Sympathy for the Devil

20. März 2012

[Voraussichtlich ist dies der letzte urlaubsbedingt kurze und inhaltsarme Beitrag. Spätestens Freitag dürft ihr dann mit der neuen Episode von "Bright Outlook" rechnen. Nehmt keine Drogen. This has been a public service announcement from überschaubare Relevanz.]

Ich lese gerade einen Kurzgeschichtensammlung namens “Monster’s Corner“, vor allem deshalb, weil eine Geschichte von Jeff Strand mit drin ist, aber die Idee hätte mich sicherlich auch so angesprochen: Die Geschichten darin sind alle aus der Perspektive des Monsters. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um eine Bemerkung des Herausgebers im Vorwort, die mich unangenehm aufgefallen ist. Er schreibt dort darüber, dass er das Monster (insbesondere Frankensteins) schon immer sympathisch fand, la-di-dah, und dann kommt aber dies:

“Now, let’s talk about reality for a moment. [...] There are real killers who go on rampages that leave people dead and others wounded and destroy the lives and hopes of so many. These are the real monsters [...] My understanding of and any sympathy for monsters does not extend to these real-life horrors. [...] you can have sympathy for how the monster became the monster without having sympathy for the monster itself. You can sympathize with the child whose experiences forged him into a soulless killer, but once he becomes a monster, sympathy ends.

Got that? Good.”

Und das stört mich. So richtig. Es würde mich schon stören, wenn er das nur als eine Beschreibung seines eigenen Empfindens verfasst hätte, aber für mich klingt da sehr deutlich auch der moralische Imperativ mit, den er uns vermitteln will. Und wenn ihr mich fragt, dann besagt der moralische Imperativ genau das Gegenteil, falls es bei solchen Themen wie “Sympathie” und “Mitgefühl” überhaupt einen solchen geben kann.

Ich will euch erklären, warum (Bestimmt hättet ihr damit jetzt nie gerechnet.): Die Bezeichnung “Monster” erkennt ihrem Objekt seine Menschlichkeit ab, seine Rechte, und eben seinen ganzen moralischen Status als einer von uns. Sie impliziert, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der nicht nur anders ist als wir, sondern schlechter, nicht nur wertlos, sondern ein echter Schädling. Und konsequenterweise fordert Christopher Golden (So heißt er.) dann auch, dass wir kein Mitgefühl mit und kein Verständnis für solche Monster haben sollen.

Das halte ich in zweierlei Hinsicht für falsch, und ich will euch erklären, wa… Moment, irgendwas ist hier schiefgelaufen. Pardon. Trotzdem erkläre ich jetzt, warum:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und zu guter Letzt: Diese Implikation, es wäre falsch, mit Monstern Mitgefühl zu haben, wäre natürlich sogar dann falsch, wenn der Rest sachlich stimmen würde. Was spricht dagegen, für einen seelenlosen Mörder zu fühlen, der in Gefangenschaft leidet und sich vor der Todesstrafe fürchtet, die ihm bevorsteht? Wir müssen ihn nicht freilassen, weil wir ihn bedauern. Wir müssen ihn nicht unangemessen großzügig behandeln, nur weil wir Mitgefühl mit ihm haben. Sogar wenn es nichts Gutes bewirkt, dann ist zumindest nichts Falsches daran, auch mit Leuten wie Hitler und Stalin und Dahmer und Wournos und Mao und Bales Mitgefühl zu haben. Dale Carnegie hat ganz richtig geschrieben, dass der einzige Grund, warum du keine Klapperschlange bist, darin besteht, dass deine Eltern keine waren. Ich denke, es schadet nicht, Menschen zu bedauern, die nicht das Glück hatten, zu so produktiven, aufrechten und angenehmen  und unverschämt gutaussehenden Mitglieder der Gesellschaft zu werden, wie wir es sind, und uns hin und wieder daran zu erinnern, dass es auch anders hätte kommen können.

Und überhaupt: Wenn ich mir die Welt so ansehe, dann scheint mir offensichtlich, dass es ihr nicht an einem Übermaß an Mitgefühl und zu viel Verständnis gebricht.


Ich würde nur kein ganzes schaffen.

5. März 2012

Zur Feier der gerade beschlossenen Urheberrechtsverbesserung (Ja, ich weiß, die Daten stimmen nicht ganz, aber es passt ansonsten so schön, und denen ist die Wahrheit ja auch egal.) hat Focus Online offenbar beschlossen, mal zu demonstrieren, wie schlimm es werden könnte, wenn es mal keine Qualitätsjournalisten mehr gibt, weil Google sie alle aufgefressen hat. Zu diesem Zweck hat die Redaktion eine Dame an die Tastatur gelassen, die offenbar wirklich keinerlei journalistischen oder moralischen Anspruch an ihre eigene Tätigkeit stellt und deshalb gleich in der Überschrift jeglichen Anschein von Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit beseitigt:

Forscher fordern Tötung von Neugeborenen

Ganz recht. Klingt vielleicht erst mal komisch, aber genauso ist es. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat sich zusammen gefunden, und setzt sich in einem Artikel im Journal of Medical Ethics dafür ein, die verfemten kleinen Schreihälse endlich ein für alle Mal auszurotten und … Oh, nein, so ganz stimmt das nicht:

Eltern soll es erlaubt werden, ihr Baby umbringen zu lassen – dafür plädieren zwei Wissenschaftler

Ach, naja. Wer wird schon so kleinlich sein und darin einen Widerspruch zur Überschrift sehen? Klingt doch sonst auch viel weniger spannend. Und für die, die es noch nicht verstanden haben, fasst Frau Vonhoff zum Schluss ihres, hm, Textes noch einmal zusammen:

Mit solchen provokanten Aussagen wollen die beiden Forscher den Mord an Neugeborenen rechtfertigen

Ja, ganz Recht. Mord. Problem? Ich meine, ist ja nicht so, als ob Mord ein legaldefinierter Straftatbestand wäre, den eine Tötung nur bei Vorliegen ganz bestimmter Voraussetzungen erfüllt, und außerdem: Heimtücke, niedrige Beweggründe, Mordlust? Was sonst sollte Eltern dazu treiben, ihre eigenen Kinder töten zu wollen?

Hach… Nein, ich habe keine Lust mehr, mich mit Frau Vonhoff auseinanderzusetzen. Wenden wir uns doch stattdessen dem Artikel zu, um den es eigentlich geht, der ist nämlich ganz interessant, und im Gegenzug zu mach anderem Beitrag zu dem Thema recht sauber durchargumentiert. Außerdem interessiert mich, ob wir Christinas Kopf vielleicht noch zum Explodieren kriegen:

we argue that, when circumstances occur after birth such that they would have justified abortion, what we call after-birth abortion should be permissible.

There are two reasons which, taken together, justify this claim:

  1. The moral status of an infant is equivalent to that of a fetus, that is, neither can be considered a ‘person’ in a morally relevant sense.

  2. It is not possible to damage a newborn by preventing her from developing the potentiality to become a person in the morally relevant sense.

Ich bin nicht sicher, ob ich da so ganz zustimme, aber zumindest überlegenswert finde ich das durchaus. Es hätte ja eine gewisse systematische Konsequenz:

Merely being human is not in itself a reason for ascribing someone a right to life. Indeed, many humans are not considered subjects of a right to life: spare embryos where research on embryo stem cells is permitted, fetuses where abortion is permitted, criminals where capital punishment is legal.

Um fair zu sein: Letzteres ist natürlich ein eher dummes Beispiel. Wenn jemand zum Tode verurteilt wird, wird ihm damit nicht grundsätzlich das Recht auf Leben aberkannt, und außerdem ist die Begründung in diesem Fall natürlich eine völlig andere. Aber das ändert nichts an der Schlüssigkeit des Artikels insgesamt:

Our point here is that, although it is hard to exactly determine when a subject starts or ceases to be a ‘person’, a necessary condition for a subject to have a right to X is that she is harmed by a decision to deprive her of X. [...]  in such cases we are talking about a person who is at least in the condition to value the different situation she would have found herself in if she had not been harmed. And such a condition depends on the level of her mental development, which in turn determines whether or not she is a ‘person’.

Da ist was dran. Und ich muss trotz vielleicht eher irrationalen Widerwillens eingestehen, dass ein Kind keinen stärkeren Schutz genießen sollte als ein Tier auf dem gleichen mentalen Stand. Das heißt natürlich nicht, dass Neugeborene völlig schutzlos sein sollten, denn auch einen Hund darf ich ja nicht einfach so umbringen. Ich muss ihn zumindest hinterher essen. Aber das erkennen auch die beiden Wissenschaftler an:

A consequence of this position is that the interests of actual people over-ride the interest of merely potential people to become actual ones. This does not mean that the interests of actual people always over-ride any right of future generations, as we should certainly consider the well-being of people who will inhabit the planet in the future.

Hm. Wie gesagt: Ich stimme den beiden nicht zu. Ich müsste wohl vorher ein bisschen mehr über die mentale Entwicklung von Kindern wissen. Aber ich denke andererseits auch nicht, dass wir diese Ideen zurückweisen sollten, einfach nur, weil sie uns instinktiv falsch vorkommen. Wir sind aus wohl offensichtlichen Gründen so eingerichtet, dass wir Neugeborene beschützen wollen, sie als Menschen empfinden, wie wir selbst es sind, und dass wir es für ein furchtbares Verbrechen halten, sie zu töten. Daraus folgt aber noch nicht, dass das richtig so ist.

[Nachtrag, 15:00 Uhr, 6. März 2012: Der Artikel ist auf der Seite des JME nicht mehr auffindbar. Über die Gründe können wir bis auf Weiteres nur spekulieren.

21:51: Und David hat ihn dankenswerterweise wiedergefunden. Ich habe die Links hier jetzt aktualisiert.]


“ja, eh…”-Woche: Es gibt nur zwei Arten von Menschen

3. Januar 2012

Gestern Abend habe ich “My Name is Khan” gesehen und will über den Film an sich nicht lange reden. Wen es stört, wenn ein Film zu lang und zu albern und gleichzeitig zu pathetisch ist, der sollte keine Bollywood-Filme sehen.

Kurz besprechen möchte ich stattdessen das Motto des Films, das unser Protagonist ziemlich am Anfang von seiner Mutter zum Unterschied zwischen Moslems und Hindus erklärt bekommt:

Es gibt nur zwei Arten von Menschen: gute Menschen, die Gutes tun, und böse Menschen, die Böses tun.

Einerseits erkennt jeder sofort, dass das Unfug ist, wenn er ein bisschen drüber nachdenkt. Aber andererseits ist das so ein Satz, über den viele Menschen wahrscheinlich eben nicht besonders nachdenken, wenn er in diesem Kontext auftaucht.

Wieso, ist doch eine schöne Botschaft? Hindus, Muslime, Atheisten, Scientologen, Republikaner, alles egal, Hauptsache, sie tun Gutes.

Zu dem Problem mit dem Bösen und dem Guten hatte ich ja schon mal was geschrieben, deswegen will ich das hier nicht zu sehr vertiefen, aber kurz gesagt sehe ich das so: Der Begriff “böse” ergibt in sich kaum Sinn. Es gibt keine “bösen Menschen”. Jeder Mensch hat Gründe für das, was er tut. Die können altruistisch sein, oder egoistisch, vernünftig oder völlig banane. Aber diese Gründe basieren natürlich auf dem, was wir glauben, was wir für richtig, und was wir für falsch halten.

Weil wir uns häufig selbst gar nicht genau darüber klar sind, was wir glauben, und was eigentlich die Etiketten bedeuten (sollen), die wir uns aufpappen, ist trotzdem etwas dran an der Botschaft, dass ein Hindu mit einem Moslem mehr gemein haben kann als mit einem anderen Hindu. Aber wer glaubt, dass Weltanschauung keinen Unterschied macht, solange man nur ein guter Mensch ist, der hat eine Meise macht es sich zu leicht. Aus Maos Sicht war die Kulturrevolution eine tolle Sache im Dienste der ganzen Menschheit. Kim Jong-Il hat womöglich wirklich geglaubt, dass er das Beste war, was Nordkorea jemals hätte passieren können. Und die Attentäter vom 11. September 2001 haben sich selbstlos für eine Sache geopfert, die sie für die gerechte hielten.

Das ist ja gerade die Tragödie der Menschheit: Menschen mit den ehrenvollsten Absichten können furchtbare Dinge tun. Tun furchtbare Dinge. Zyniker würden sogar sagen, dass gerade die Menschen mit den ehrenvollsten Absichten oft die furchtbarsten Dinge tun, aber ich schweife ab. Mir geht es darum, dass Gut und Böse keine Eigenschaften sind, die einem Menschen, einer Tat oder einer Sache einfach immanent wären. Gut und Böse sind Urteile, und um sie fällen zu können, muss man die Folgen einer Tat kennen. Und um die Folgen einer Tat zu beurteilen, greift man unweigerlich auf das zurück, was man über diese Welt glaubt, in der wir leben.

Und da macht es unter Umständen einen großen Unterschied, ob ich glaube, dass schon ein Blastozyst von einem allmächtigen Gott mit einer unsterblichen Seele und Menschenwürde ausgestattet wurde, ob ich glaube, dass dieser allmächtige Gott mein Team auserwählt hat, um die Menschheit in sein Heiliges Reich zu bomben, oder ich ich glaube, dass das brennende Fett in meiner Küche sich doch mit diesem Eimer Wasser da hinten prima löschen lassen müsste. Oder abstrakter: Gute Absichten führen in der Regel zu guten Ergebnissen, wenn sie mit realistischen Annahmen über die Folgen unserer Taten einhergehen. Wenn nicht, ist es reine Glückssache. Leider ist es in vielen Fällen schwer abzuschätzen, was die Realität nun eigentlich ist, und was nicht, und leider gibt es auch keinen Satz von ewig gültigen Geboten, denen man einfach nur folgen muss, und alles wird gut, und leider neigt jeder und jede von uns dazu, seine (und ihre) Wahrnehmung dieser Welt von Wünschen und Gefühlen wie Angst und Wut oder auch Liebe und Vorfreude verzerren zu lassen. Und so gesehen gibt es dann eigentlich nur eine Art von Menschen; oder sieben Milliarden. Je nachdem, wie man zählt.

Aber von Annahmen über die Realität gibt es wirklich nur zwei Arten: Wahre, und falsche nicht wahre. Und jeder und jede von uns kann sein Bestes tun, möglichst oft mit wahren zu arbeiten, und möglichst selten mit den anderen. Ihr wisst schon, wie.


Nur so ein Beispiel

26. Dezember 2011

für die Leute, die fragen, warum Atheisten sich so haben und warum wir so militant sind, und die Religionen nicht einfach friedlich Religion sein lassen, es könnte uns ja egal sein:

Und aufgeklärte Religionen als herausragende Vermittler ethischer Standards – wer anders als sie könnte für Prinzipien wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit oder Gleichberechtigung im eigentlichen Sinne des Wortes „glaubhaft“ einstehen? Wenn diese nicht von Religionen vermittelt werden, ist nach meiner Überzeugung die Wahrscheinlichkeit überschaubar gering, dass sie überhaupt dauerhaft vermittelt werden können.

[via recotard]

Dieses Zitat stammt nicht vom Papst oder von einem Bischof oder irgendeinem religiösen Spinner, der mir bei Jesus.de über den Weg gelaufen ist. Es stammt von Norbert Lammert, unserem Bundestagspräsidenten und protokollarisch zweithöchsten Amtsträger der Bundesrepublik. Ich muss zwar eingestehen, dass er trotzdem kaum was zu sagen hat, aber wir alle wissen, dass solche einen Satz genausogut auch Angela Merkel oder Barak Obama hätten aussprechen können, ohne dass jemand sich groß gewundert hätte.

Ja, Religionen sind nicht die Wurzel allen Übels, sie sind nur ein besonders übles Symptom. Aber sie sind ein Symptom, das es unter anderem geschafft hat, dass höchste Würdenträger und – für manche leider immer noch – Respektspersonen öffentlich bekunden dürfen, dass Ethik für sie nur denkbar ist, wenn ein unsichtbarer Zauberer sie verkündet, ohne dass jemand sie auslacht oder ihnen dringend eine Therapie ans Herz legt. Sie sind ein Symptom, das in der Öffentlichkeit noch immer kaum als Zeichen einer Krankheit erkannt wird, sondern immer noch den Nimbus des Guten und Richtigen trägt, und das zu kritisieren immer noch als unanständig und taktlos gilt.

Und es geht noch weiter:

In unserem Zeitalter, in dem wir erschütternde Erfahrungen gemacht haben mit der Selektion vermeintlich wertvollen und angeblich unwerten Lebens, in Zeiten von Massenvernichtungswaffen und drohenden Klimakatastrophen durch menschliche Eingriffe in die Natur sollte der Glaube an die Überlegenheit verselbstständigter Vernunft gründlich abhandengekommen sein.

Und da… Ich weiß kaum, wie ich es sagen soll. Ich bin ein Freund der Meinungsfreiheit und würde niemals nach diesem Impuls handeln, weil ich weiß, dass es auf vielen Ebenen falsch wäre, aber doch: Dafür möchte ich ihn ohrfeigen. Nicht nur, weil es einfach Blödsinn ist, das sind wir ja gewohnt, sondern konkret wegen seines ersten Beispiels. Es gibt da für mich zwei Deutungen. Die erst, die mir einfiel, war das Dritte Reich, denn an das denken ja nun mal die meisten Leute, die den Begriff “unwertes Leben” aus der Mottenkiste holen. Würde es das tatsächlich so meinen, dann wäre nun amtlich, dass der zweithöchste Mann in unserem Staat den Holocaust für einen Akt der Vernunft hält.

Wenn man ihm einen gewissen Benefit of Doubt (Kennt jemand einen gutes deutschen oder zumindest etablierten Begriff dafür?) zugestehen will, könnte man wohl auch sagen, dass er nur von Abtreibung und PID spricht. In diesem Fall rückt er diese beiden medizinischen Instrumente aber bewusst in die Nähe nationalsozialistischen Genozids, und ich bin nicht sicher, ob ich das weniger widerwärtig finde als die erste Alternative.

Wie man es auch dreht und wendet, ich sehe eigentlich keine Möglichkeit, wie einem denkenden Menschen bei der Lektüre solcher Sprüche vom Präsidenten unseres Parlamentes nicht das kalte Kotzen kommen sollte.

Und ihr so?


Es ist doch eigentlich ganz einfach

15. September 2011

Diskutiert ihr auch manchmal mit Christen über Moral? Ich meinte natürlich: mit dieser besonderen Art Christen, die nicht begreifen kann, dass man für Moral keinen Gott braucht? Die sind ja glücklicherweise nicht alle so. Fragt ihr euch auch manchmal, warum das so schwierig ist?

Ganz einfach: Ihr macht es falsch. Und ich zeige euch jetzt mal, wie’s geht. Hier ist der offizielle überschaubare-Relevanz-Guide für Moraldiskussionen mit dieser Art Christen. Und er kostet euch keinen Cent. So geht’s. Einfach vorlesen:

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Voices in my head

4. August 2011

Ich mag den Begriff Sommerloch ja nicht so, weil ich ihn für eine Ausrede halte. Wenn man wirklich will, findet man interessante Themen, über die man schreiben kann, die die Leser wirklich bewegen und brisante Erkenntnisse bereithalten. Wenn man wirklich will, kann man zu jeder Jahreszeit aufrütteln, Bewusstsein schaffen, für Probleme sensibilisieren und die Welt verbessern.

Ich will aber nicht.

Stattdessen nehme ich deshalb ein gerade gefundenes Beispiel für einen der vielen Aspekte an religiösem Glauben, die ich einfach immer wieder nicht fassen kann, wenn sie mir unterkommen: Die Sinnlosigkeit der Geschichten, in denen ein Gott angeblich eingegriffen hat, um seine Anhänger zu schützen. Ebenfalls zum Schutze der Unschuldigen verlinke ich die Quelle dieser Geschichte nicht und beschränke mich darauf zu versichern, dass sie echt ist. Die Geschichte ist kurz und geht so:

Jemand fährt regelmäßig Moped, aber in der Regel ohne Helm. Eines Tages, auf dem Weg zur Arbeit, hört er eine Stimme, die ihm sagt: “Halt an und setz deinen Helm auf!” Er tut es, und wird wenig später auf einer Kreuzung von einer unachtsamen Autofahrerin gerammt. Der Helm wird dabei zerstört, aber er kommt mit leichten Verletzungen davon.

Merkt ihr, was ich meine? Und die Geschichten, die ich kenne, sind alle so. An was für einen Gott glauben denn diese Leute? Was für ein lächerlicher Harlekin und was für ein widerliches Ekel von einem Gott ist denn das, der das Opfer eines Verkehrsunfalls vorher bittet, einen Helm aufzusetzen, statt… Ich weiß nicht, zum Beispiel die Autofahrerin rechtzeitig zu warnen und so den Unfall ganz zu verhindern? Oder – falls die Frau im Auto eine dieser verstockten Atheistinnen ist, die ihr Herz gegen Jahwe Elohim verhärtet haben und ihn ignorieren, wenn er mit ihnen spricht – dem Mopedfahrer zu sagen: “Halt an, setz deinen Helm auf, und dann warte noch zwei Minuten hier.”? Das hätte auch gereicht. Er könnte die beiden Fahrzeuge auch einfach kurzfristig entkörpern und einander unberührt passieren lassen. Wir reden immerhin über den allmächtigen Schöpfer des Universums. Sowas dürfte buchstäblich kein Aufwand für ihn sein. Aber nein, er verhindert den Unfall nicht, obwohl er lange vorher davon weiß. Er bittet den Mopedfahrer stattdessen nur, seinen Helm aufzusetzen.

Und sogar, wenn wir den Aspekt der Idiotie mal außen vor lassen: Was denken wir gemeinhin über jemanden, der einen Verkehrsunfall kommen sieht und sich bewusst entscheidet, diesen nicht zu verhindern, obwohl er beide Opfer mühelos hätte warnen können? Staunen wir über die grenzenlose Liebe dieses Menschen, nennen ihn vollkommen in seiner Güte und beten ihn an? Manche Christen sehen das wohl so. Für mich ist so jemand ein unfassbarer Armleuchter. Und, ja, das ist irgendwie Kleinkram, aber ich kann mich immer wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder darüber aufregen, was Religion mit dem Verstand und der Moral und dem Selbstwertgefühl ihrer Opfer macht.

So.

Zurück zum Sommerloch.


Subjekt, Prädikat, Objekt

27. Mai 2011

Ich führe drüben bei jesus.de mal wieder eine Diskussion über das Thema Ethik und so weiter. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um hier kurz ein Kommunikationsproblem anzusprechen, das eigentlich schnell erklärt ist, aber trotzdem ohne Ende Probleme bei Diskussionen zwischen Theisten und Atheisten schafft.

Wie so oft ist es eine Definitionsfrage.

Das Wort “objektiv” bedeutet für mich “unabhängig von jeglichem Bewusstsein”.

Daraus folgt, dass Begriffe wie “objektive Moral” oder “objektiver Sinn” Oxymora sind. Moral oder Ethik bezeichnet einen Satz von Verhaltensregeln, und ein Sinn ist mehr oder weniger synonym mit einer Absicht oder einer Zielvorstellung. Sowohl eine Verhaltensregel als auch eine Absicht sind ohne ein Bewusstsein nicht denkbar.

(Naturgesetze sind natürlich was anderes. Wer Probleme mit der Unterscheidung hat: Naturgesetze erkennt man ziemlich zuverlässig daran, dass man sie nicht brechen kann.)

Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob ich an einen Gott glaube oder nicht. Sogar wenn es einen allmächtigen, allwissenden Gott gäbe, wäre dessen Perspektive immer noch seine eigene, und damit subjektiv. Im besten Fall weiß der dann besser als ich, was gut ist und was nicht, aber dann stellt sich trotzdem noch die Frage, warum und wann ich ihm glauben sollte. Es ist wie immer: Vertrauen in eine Autorität kann eine sinnvolle Sache sein, aber es entbindet mich nicht von der Verantwortung für meine eigenen Entscheidungen.

Na gut. Die Diskussion über religiöse und atheistische Moral hatten wir hier ja schon. Wieder und wieder. Das möchte ich nicht alles wiederholen. Aber ich dachte, dieser Punkt ist es wert, noch einmal festgehalten zu werden:

Den Begriff “objektiv” so umzudefinieren, dass er nicht mehr seine gebräuchliche Bedeutung hat, sondern stattdessen heißt “unabhängig von jeglichem Bewusstsein außer einem, das ich mir aussuchen kann”, ist keine Lösung, sondern nur ein sinnloses Spiel mit Worten. (Übrigens genauso wie das Argument: Es muss ja einen Gott geben, denn nichts kann ohne Schöpfer existieren, bis auf diese eine Sache, die ich mir aussuchen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.)


Kann das wirklich Zufall sein?

29. März 2011

Während meiner Schulzeit gab es einen Lehrer, den ich wirklich bewunderte. Er war in der Oberstufe mein Tutor, und er unterrichtete Mathematik und Werte und Normen. Er war klug, er hatte Humor, er war immer freundlich, und in unserer Abiturzeitung schrieb er über mich, dass ich eigentlich gar nicht so arrogant sei, wie ich oft wirkte. Ich glaube, er ist inzwischen im Ruhestand, und ich fürchte, dass ich meinen Vorsatz, ihm mal einen Brief zu schreiben, vielleicht nie umsetzen werde, aber zumindest einmal möchte ich es schriftlich festhalten: Sie waren der beste und sympathischste Lehrer, den ich je hatte, und irgendwie sogar ein Vorbild. Vielen Dank, Herr Glimm.

So empfand ich es auch kein bisschen als Strafe, als er mich nach einer längeren Diskussion im Werte-und-Normen-Unterricht aufforderte, meine sonderbare Meinung, dass es das Böse als solches nicht gibt, in einem kurzen Aufsatz zu begründen.

Ich tat das sehr gerne, und er las es, und meinte, es sei sehr interessant, aber überzeugt habe es ihn nicht.

Das war natürlich ein bisschen enttäuschend, aber so geht’s eben, und ich habe es ihm nicht übel genommen. Wäre ja auch noch schöner.

Leider habe ich diesen Aufsatz von damals nicht mehr, aber zu Ehren von Herrn Glimm (und meines Versprechens, mal wieder vom Thema Religion wegzukommen) hatte ich mir gestern vorgenommen, meinen Gedankengang heute für euch noch einmal darzulegen. Und nun, siehe da, als hätten wir uns abgesprochen, veröffentlichte die “Welt” gestern einen langen, dummen Artikel zu dem Thema. Schicksal? Vorsehung? Telepathie? Wer weiß…

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Sanella ist Backen

23. März 2011

Ich habe gerade zufällig bei kath.net einen Text gefunden, der meiner Meinung nach hervorragend einige Dinge illustriert, die an Religionen allgemein und namentlich der christlichen nicht stimmen.

Er trägt die vielsagende Überschrift “Die Ehe – Realsymbol des neuen und ewigen Bundes” und stammt aus dem Schreiben “Familiaris Consortio” des letzten Papstes Johannes Paul II.

Um es gleich zu Anfang kurz zusammenzufassen: Das Christentum

  • fördert erstens eine Weltsicht, die nicht auf unvoreingenommener Erforschung der Wahrheit basiert, sondern auf dem mehr oder weniger blinden Glauben an Autoritäten wie Jahwe, die Bibel oder die Kirche,
  • behauptet zweitens unter Berufung auf diese Autoritäten, dass ihr Gott nicht nur existiert, sondern außerdem noch ganz klare Vorstellungen dazu hat, wie wir uns zu verhalten haben und mit wem wir wie kopulieren dürfen,
  • ermöglicht damit drittens eine moralische Bewertung von Fragen, die eigentlich nichts mit Moral zu tun haben und einer Bewertung als “falsch” oder “richtig” gar nicht zugänglich sind und
  • gibt auf dieser Basis unsinnige Regeln heraus, deren Befolgung erhebliches Leid und Unglück verursachen kann.

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Unmoralische Daten

3. März 2011

Ich habe da gestern diese Rezension einer Voyager-Episode gesehen, und ich wüsste gerne, was ihr darüber denkt:

Für alle, die keine Lust haben, sich das anzusehen, hier eine stark eingedampfte und teilweise nicht ganz detailgetreue Zusammenfassung: Die Chefingenieurin Torres erkrankt, und der Schiffsarzt lässt für die Behandlung ein Hologramm eines bekannten cardassianischen Wissenschaftlers erstellen. Im Laufe der Diagnose stellt sich heraus, dass besagter Wissenschaftler seine Kenntnisse durch mengelehafte Menschenversuche erworben hat. (Eigentlich Baioranerversuche, wenn ich das richtig verstehe, aber diese Differenzierung schenken wir uns, auch weil der Unterschied ausschließlich in der geriffelten Nase besteht.) Daraufhin will die Patientin nicht mehr behandelt werden (eigentlich vorher auch schon nicht, weil sie Cardassianer hasst), aber Captain Janeway entscheidet, dass sie für die restliche Crew so wichtig ist, dass die Therapie trotzdem durchgeführt wird.

Um das ethische Hauptdilemma möglichst klar herauszuarbeiten möchte ich gerne die Frage der Patientenautonomie ignorieren, so wie auch die Tatsache, dass Torres völlig ungeeignet für ihre Position ist und Janeways Begründung deshalb keinen Sinn ergibt. Auch Torres’ debilen Rassismus lassen wir außen vor.

Wir sprechen also nur noch über ein Problem: Jemand hat Erkenntnisse aus unethischen Experimenten gewonnen, bei denen viele Menschen (gegen ihren Willen) gestorben sind. Ist es jetzt ethisch vertretbar, diese Erkenntnisse zu verwenden?

Die Voyager-Autoren scheinen das für ein kniffliges Dilemma zu halten, und sogar sfdebris sieht es so. Er spricht in seiner Review gegen Ende ganz bezeichnend von “unmoralischen Daten” und lobt die Autoren dafür, endlich mal eine schwierige moralische Frage aufgeworfen zu haben.

Ich hingegen sehe das Dilemma nicht. Die Baioraner sind tot, die Daten sind da. Die Verwendung der Daten schadet niemandem mehr, und ich kann deshalb beim besten Willen nicht erkennen, warum es problematisch sein soll, sie zu benutzen, um Menschenleben zu retten. Ich finde es im Gegenteil manifest unethisch, sie nicht zu verwenden. Daten sind Daten, sie sind korrekt oder falsch, aber sie können nicht “unmoralisch” sein.

Ich müsste darüber nicht mal nachdenken. Und ihr?


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