Geht sterben (3)

20. April 2012

Wie sagte Herr Lindner doch kürzlich so schön?

Wir verhindern, dass aus verantwortungsbewussten Bürgern irgendwann Staatsinsassen gemacht werden.

Und wie sagte Herr Zastrow diese Woche der Rheinischen Post?

Wir sind die einzige Partei, die noch ohne Wenn und Aber die Werte der Marktwirtschaft hochhält.

Und wie sieht das in der Praxis so aus?

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will die Preispolitik der Mineralölkonzerne unter stärkere staatliche Kontrolle stellen. Tankstellen sollen einer neu zu schaffenden „Markttransparenzstelle“ künftig jede Änderung der Kraftstoffpreise differenziert nach Produkt, Zeitpunkt und Produktmengen übermitteln, heißt es einem Gesetzentwurf, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt [...] Außerdem müssten sie melden, welche Mengen an Treibstoffen sie wo und wie teuer eingekauft haben.

Den Mineralölkonzernen ist es [...] verboten, Kraftstoffe teurer an kleine und mittlere Konkurrenten, als an ihre eigenen Tankstellen zu verkaufen. Die starken Preisschwankungen von bis zu 15 Cent am Tag sollen dadurch zukünftig verhindert werden.

 Von dem staatlichen Eingriff verspricht sich Rösler mehr Wettbewerb.

Da fällt mir übrigens gerade wieder ein Spruch von Herrn Lindner ein:

Entscheidend ist die neue Glaubwürdigkeit der FDP


Der Staat sind wir, der Markt sind die anderen

26. August 2011

Es mag der Eindruck entstehen, dass ich es auf Michalis Pantelouris abgesehen habe. Aber das wäre natürlich falsch. Wer so cool auf so scharfe Kritik reagiert, den kann man doch nur gut finden. Es ist also keineswegs böser Wille, der mich treibt, jetzt schon den zweiten Artikel an Mikis zu richten. Es ist vielmehr so, dass ich mit dem (Ich sag das mal so vereinfacht.) Weltbild der Linken (also ungefähr der Leute, die tendenziell glauben, dass ein starker Staat und viel Regulierung was Gutes sind) schon lange ein fundamentales Verständnisproblem habe, und dass Mikis in seinem Artikel und seinen Kommentaren hier mir dieses Problem sehr deutlich vor Augen geführt hat. Er schrieb zum Beispiel:

die Linke – die hier definiert wird als die Kraft, die unregulierte Märkte von jeher als eine Art Pyramidenspiel betrachtet hat, die es den Stärkeren erlaubt, auf Kosten der schwächeren Allgemeinheit Reichtümer anzuhäufen 

oder:

Nimm nur Lebensmittel: Ohne staatliche Regelung und Kontrolle würden uns die Konzerne noch sehr viel schlimmeren Scheißdreck verkaufen, als sie es sowieso tun. 

oder:

das Debakel um die „Ampel“ auf Lebensmitteln zeigt: Die rechte Bundesregierung lehnt es ab, Hersteller zu verpflichten, in erkennbarer Weise ihren Müll ehrlich zu kennzeichnen, weil sonst niemand dieses Zeug kaufen würde.

oder kurz:

Das ist Freiheit des Marktes, nämlich Volksverarschung.

Und wenn ich nur diese Auszüge läse, dann würde sich mir unvermeidlich der Eindruck aufdrängen, Mikis hätte ein so trauriges Menschenbild, das ich staunen müsste, wie aus ihm ein offenbar sozial gut integriertes Mitglied unserer Gesellschaft werden konnte. Wer das schreibt, muss doch eigentlich seine Mitmenschen (natürlich nicht jeden einzelnen, aber doch alle im Durchschnitt oder so) einerseits für zu gierig, egomanisch, niederträchtig und kurzsichtig halten, um anständig miteinander umzugehen, andererseits aber auch für zu dumm, naiv oder uninformiert, um die simpelsten Formen von Betrug zu erkennen. Oder anders gesagt: Wer so denkt, der scheint davon überzeugt, dass es ohne äußeren Zwang keinen Mechanismus gibt, der Menschen davon abhält, einander fortwährend nach Strich und Faden zu verarschen, zu betrügen, zu vergiften und schamlos auszunutzen.

An dieser Stelle könnte ich nun einfach konstatieren, dass Mikis offenbar eine völlig andere Wahrnehmung von der Welt hat, in der wir leben, als ich das tue, und daran wäre nichts außergewöhnliche Aufregendes, denn viele Menschen sehen Dinge anders als ich. So einfach scheint es aber nicht zu sein.

Er schreibt nämlich auch:

Der Staat ist der einzige, der Sicherheit garantiert. Militärische und Innere Sicherheit, aber auch Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz, Sicherheit vor Gift in weiteren Gütern, gesicherte Gesundheitsversorgung, Soziale Sicherheit uswusf.

oder:

Links = der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit und den stetigen Fortschritt (und dass sie sinnvoll ist). Rechts = bewahren des Status quo (If it’s not necessary to change, it’s necessary not to change). Links = die Definition des Menschen über Empathie als bestimmendes Merkmal = Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Rechts = die Definition des Menschen über sein Eigeninteresse (in der Realität die Gier) = Notwendigkeit des Schutzes vor „der Welt da draußen“.

Und das klingt auf einmal völlig anders. Wer das schreibt, der scheint daran zu glauben, dass Menschen sich aufeinander verlassen können, dass sie Gemeinschaften bilden können, die auf gegenseitigem Vertrauen basieren, dass sie langfristig denken können und einander gegenseitig helfen, und das ihr Verhalten nicht nur von kurzfristiger Gier bestimmt ist, sondern dass sie in der Lage sind, die Vorteile zu erkennen, die sich aus sozialverträglicher Kooperation ergeben. (Übrigens halte ich persönlich dieses Menschenbild im Großen und Ganzen für erheblich realistischer als das erste, falls es jemanden interessiert, aber darum geht es hier nicht.)

Und jetzt kommt mein Problem: Ich sehe nicht, wie eine Person beide Meinungen zugleich vertreten kann.

Wenn jemand seinen Mitmenschen nicht einmal zutraut, die Inhaltsstoffangaben auf ihrem Krabbensalat zu lesen, um sich vor Vergiftung zu schützen, wie kann er ihnen dann gleichzeitig zutrauen, in einer Demokratie eine Regierung zu wählen, die jede Form von Sicherheit und Umweltschutz und Gesundheitsversorgung und so weiter garantieren kann?

Wenn jemand seinen Mitmenschen nicht einmal genug Vertrauen entgegenbringt, um ihnen die Wahl zu lassen, ob sie eine Ampel auf die Krabbensalatpackung drucken wollen, die sie verkaufen, wie kann derselbe Mensch seinen Mitmenschen so viel Vertrauen entgegenbringen, dass es ihm keinerlei Sorge bereitet, wenn sie ihm vorschreiben, wie er zu leben hat, welchen Krabbensalat er kaufen darf und wie die Packung auszusehen hat?

Wie kann jemand einerseits schreiben: “der Staat sind wir”, und sich damit gegen gegen ein Bild von einer “riesige[n], dunkle[n] Institution, gegen die man sich vor allem zur Wehr setzen muss” wenden, aber gleichzeitig den freien Markt mit “Volksverarschung” gleichsetzen, obwohl der Markt doch eigentlich noch viel mehr “wir” ist als der Staat?

Wie kommt jemand, der nach eigener Darstellung den Menschen nicht über Gier, sondern über Empathie als bestimmendes Merkmal definiert, auf die Idee, derselbe Mensch würde seine Mitmenschen nach Strich und Faden und ohne Rücksicht auf ihr Leben und ihre Gesundheit verarschen, wenn die Staatsgewalt ihn nicht mit Zwangsmitteln davon abhielte?

Ich könnte noch viel mehr solche Detailfragen stellen, aber im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass ich nicht verstehe, welche Mechanismen die Linke bei staatlichen Institutionen am Werk sieht, die vor Verarschung und Machtmissbrauch schützen, während sie ihre Mitbürger gleichzeitig vor Unternehmen und Konzernen, die über ungleich weniger Macht verfügen als der Staat, beschützen zu müssen meint.

Kann mir da jemand helfen?


Das Recht wie Glut im Kraterherde

19. Januar 2011

Vor rund zwei Wochen hatte ich eine durchaus erfreuliche Diskussion mit Madove, die hier auch gelegentlich kommentiert. Es ging um das Thema Kommunismus, und wir stellten fest, dass wir zwar zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, aber von durchaus sehr ähnlichen Prämissen aus.

Danach hatte ich einen Gedanken zur emotionalen Attraktivität der beiden Standpunkte:

Aus Sicht des durchschnittlichen Kommunisten (Ich stelle hier mal der Übersicht halber nuancenfrei Kommunismus und Kapitalismus gegenüber, auch wenn das die Sache vielleicht ein bisschen zu stark vereinfacht.) herrschen im Kapitalismus, nun ja, die Kapitalisten. Wenige reiche Menschen, die entscheiden, wer zu welchem Preis arbeiten darf, welche Produkte angeboten werden, und zu welchem Preis man sie kaufen darf. Diese Leute haben also die wahre Macht inne, und das ohne jede demokratische oder sonstige Legitimation, einfach nur, weil sie reich sind. Unser durchschnittlicher Kommunist (Und ich will nicht behaupten, dass das Madoves Standpunkt wäre; es geht mir wie gesagt nur ums Prinzip und den Eindruck, den ich aus vielen Gesprächen mit verschiedenen Leuten gewonnen habe.) wünscht sich deshalb stattdessen eine Gesellschaft, in der die Menschen selbst entscheiden, wieviel für Arbeit bezahlt werden muss, welche Produkte zu welchem Preis angeboten werden und wie wir unsere Produktionsmittel einsetzen. Und die Menschen selbst, das ist doch nun einmal die Gesellschaft, das Volk, also der Staat. Ergo Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Volkseigentum, und alles wird gut.

Aus Sicht des durchschnittlichen Kapitalisten ist es ungefähr umgekehrt. Im Kommunismus gehören die Produktionsmittel zwar nominell dem Volk, also allen, und die Entscheidungen sind vergesellschaftet, werden also nominell von allen Menschen getroffen, aber wer gut aufgepasst hat, dem ist die entscheidende Einschränkung aufgefallen: Nominell. De facto geht das nicht, weil wir zu viele sind. 80 Millionen Leute können nicht Tag für Tag entscheiden, wie viele Bleistifte und wie viele Füllhalter wir brauchen, ob wir mehr Kühl-/Gefrier-Kombinationen oder mehr reine Kühlschränke herstellen wollen, wie viel Zucker in einen guten Schokoladenmilchshake gehört und welche Motorisierungsvarianten und Extraausstattungen wir in unseren Autos brauchen. Im Kommunismus werden diese Entscheidungen deshalb auch nicht de facto vom Volk getroffen, sondern von denen, die das Volk repräsentieren, also vom Staat beziehungsweise seinen jeweils zuständigen Behörden.

Aus dieser Sicht ist es also nicht so, dass im Kapitalismus nur wenige Mächtige die Entscheidungen treffen und alle anderen ausbeuten, während im Kommunismus alle Menschen über die Produktionsmittel verfügen und deshalb in schöner Harmonie so lenken können, dass hinterher alle zufrieden sind. Es ist gerade umgekehrt: Im Kapitalismus ist jeder Mensch frei, zu entscheiden, welches Auto er kauft, wie er seine Küche einrichten will und für wen er arbeiten will, solange er jemanden findet, der mitspielt. Im Kommunismus wird uns das von Beamten vorgeschrieben.

So. Ich weiß nicht, ob das ein hilfreicher Gedanke ist, aber mir kam er interessant vor, und ich wollte ihn gerne festhalten.

Trotzdem gibt es für mich im Grunde nur ein einziges Argument, das ausreicht, um die Systemfrage zu entscheiden:

Wenn man die Menschen einfach machen lässt, entsteht Kapitalismus. Sie machen das freiwillig. Ich kenne kein kapitalistisches System, in dem es verboten wäre, Gemeinschaften zu bilden, die nicht mit Gewinnerzielungsabsicht arbeiten und in denen die Produktionsmittel allen gemeinsam gehören. Jeder kann jederzeit all seine Produktionsmittel mit allen anderen teilen.

Kapitalismus entsteht aus freien Entscheidungen. Kommunismus hingegen gibt es nur durch obrigkeitlichen Zwang. Und ich halte es für plausibel, dass darin auch der Keim liegt für die Grausamkeit und Menschenfeindlichkeit, die wir in eigentlich allen kommunistischen Staaten beobachten konnten: Wenn die Staatsgewalt erst einmal angefangen hat, Menschen zu zwingen, Dinge zu tun, die sie nicht wollen, um sie zu etwas zu machen, was sie nicht sind, dann ist es ziemlich schwer, sie rechtzeitig wieder an die Kandare zu nehmen.


Gelbe Bevormundung ist doch irgendwie viel schöner als rote, oder?

25. September 2010

Anuntio vobis gaudium magnum, unserer Regierung ist erneut ein großer Wurf gelungen, ach, was rede ich: Der große Wurf!

Das Abkassieren bei Telefon-Warteschleifen hat bald ein Ende: “Warteschleifen dürfen bei teuren Service- und Mehrwertdienste- Rufnummern künftig nur eingesetzt werden, wenn der Angerufene die Kosten der Warteschleife trägt”, sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Auch der Facebook-Arm der FDP brüstet sich mit dem Verbot des “Geschäftsmodells Warteschleife”:

Die Koalition setzt nun in einem weiteren zentralen verbraucherpolitischen Thema eine liberale Position um.

[...]

Eine telefonische Warteschleife war und ist keine Serviceleistung für Verbraucher. Liberale Politik konnte daher erneut die Rechte der Verbraucher stärker [sic].

Und mir ist so schlecht, dass mir fast die Worte fehlen. Sicher, das ist kein besonders wichtiges Thema, und insbesondere diejenigen unter euch, die die FDP sowieso nicht leiden können, verstehen wahrscheinlich gar nicht, warum ich mich aufrege. Ich will aber versuchen, es euch kurz zu erklären:

Es handelt sich hier um einen weiteren von vielen kleinen Einschnitten in individuelle Freiheit unter dem Vorwand, Verbraucher vor sich selbst schützen zu müssen.

Wenn ich irgendwo anrufe, dann kann ich mich vorher darüber informieren, was es kostet. Und wenn ich damit nicht einverstanden bin, oder die Warteschleife mir zu lang ist, dann kann ich es lassen. Oder ich kann woanders anrufen. Wo ist da die Notwendigkeit für ein Einschreiten des Gesetzgebers? Natürlich ist es auf den ersten Blick bequemer, wenn ich darüber einfach nicht mehr nachdenken muss und darauf vertrauen kann, dass der Staat das schon alles in meinem Sinne regelt. Aber für mich gehört es eben zu einem mündigen Bürger, dass er seine Angelegenheiten selber regelt, dass er Verantwortung übernimmt für sein Leben, und dass er sich bei seinen Entscheidungen verdammt noch mal nicht das Nachdenken erspart und darauf vertraut, dass der Staat das schon alles geregelt hat. Meine eigenen Interessen kennt niemand so gut wie ich selbst.

Nach wie vor einer der gruseligsten Sätze, die ich kenne: “Wir sind von der Regierung, und wir sind hier, um Ihnen zu helfen.”

Diese neue Vorschrift schränkt unsere Vertrags- und Entscheidungsfreiheit ein, und unser gelber Koalitionspartner hält es nicht einmal für nötig, das in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder auch nur zu erwähnen. Nicht nur das, er hat sogar noch die unfassbare Chuzpe, diese Gängelei als “liberale Politik” zu feiern. Und das finde ich so widerlich, dass ich deshalb echt gerne aus diesem Verein austreten würde. Leider geht das aber nicht, weil ich gar nicht drin bin. Alles Mist.


Endlich gute Regeln

2. Juli 2010

Hui, das ging schnell. Da ist Herr Wulff gerade erst vereidigt worden, und schon fängt er an, seiner Arbeit nachzugehen: Er redet irgendwelchen naiven Blödsinn, der nett klingt, den man aber nicht ernst nehmen kann und bemüht sich, möglichst nicht unangenehm aufzufallen.

(Über den Zusatz “so wahr mir Gott helfe” zum Amtseid könnte ich jetzt auch schon wieder ein paar Worte verlieren, weil ich es normalerweise irgendwie besorgniserregend finde, wenn Leute in sehr einflussreichen Positionen sich bei ihrer Inauguration auf die Unterstützung ihres unsichtbaren Skydaddys berufen, aber Herr Wulff übernimmt ja keine solche Position, deswegen spare ich mir das. Amtseid. So ein Blödsinn.)

Bei der Gelegenheit wies er dann auch gleich darauf hin, dass man “den Finanzmärkten endlich gute Regeln [...] geben” müsse, um “die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen”.

Ähm.

Herr Wulff, die Regeln, um die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen, gibt es schon lange. Man kann sie pauschal als marktwirtschaftliches System bezeichnen, und sie haben sich ziemlich hervorragend bewährt, aber – und das ist wichtig, passen Sie jetzt bitte gut auf – sie funktionieren nur, wenn Staaten nicht anfangen, die Verursacher der Bankenkrise mit Steuergeldern zu bewerfen. Und wenn Staaten nicht permanent an den marktwirtschaftlichen Regeln herumpfuschen, zum Beispiel, indem sie schwachsinnige Verbote bestimmter Geschäfte beschließen, weil die ihnen gerade politisch nicht in den Kram passen.

Aber machen Sie sich nichts draus, wenn Sie sich darum noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. Es spielt ja eh keine Rolle, was Sie so erzählen.

Herr Wulff, ich wünsche Ihnen viel Erfolg in ihrem Amt. Mögen Mary Poppins und Optimus Prime Ihnen nach Kräften beistehen. Wobei auch immer.


7,50 oder doch lieber 9? Warum nicht gleich 20?

23. Juni 2010

Hatte ich eigentlich schon mal geschrieben, wie ich diesen Spruch “Guter Lohn für gute Arbeit” als Slogan für einen gesetzlichen Mindestlohn verabscheue? Ich glaube, nicht. Dann hole ich das jetzt nach:

“Guter Lohn für gute Arbeit” klingt vernünftig, so, als könne niemand was dagegen haben und als wäre es die einzig faire Lösung. Natürlich ist guter Lohn für gute Arbeit fair. Aber es ist nicht das, was Gewerkschaften und Linke mit einem Mindestlohn fordern. Mindestlohn hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit Gleichheit. Und entgegen dem, was manch einer uns glauben machen will, sind das zwei völlig verschiedene Sachen.

Ich denke, es ist unbestritten, dass es auch Leute gibt, die schlechte Arbeit abliefern. Ich kenne ein paar davon persönlich. Sollen die nach dem Willen von Gewerkschaftern und SPD dann schlechten Lohn erhalten? Natürlich nicht!

Darüber hinaus geht es natürlich nicht nur darum, für einen “guten” Lohn zu werben. Es geht darum, dass man Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht zutraut, sich auf einen guten Lohn zu einigen. Es geht darum, dass man meint, ihnen vorschreiben zu müssen, was sie vereinbaren dürfen und was nicht, weil man es besser weiß. Es geht darum, dass man Arbeitnehmer für unfähig hält, Entscheidungen im eigenen Interesse zu treffen und sie deshalb vor sich selbst schützen will.

In letzter Konsequenz heißt die Forderung also: “Der Lohn, den wir für richtig halten, für jede Arbeit”. Klingt natürlich nicht mehr so gut.

Den Rest des Beitrags lesen »


We’re from the government, and we’re here to help you.

18. April 2010

Gerade läuft mal wieder einer dieser Berichte bei Blickpunkt im ZDF.
Irgendeine Reporterin berichtet mit ernster, um nicht zu sagen: bedrohlicher Stimme, dass eine “beispiellose Rabattschlacht zwischen den Discountern” stattfindet und dass Lebensmittel nirgendwo in Europa so billig sind wie in Deutschland. Die Kamera schwenkt über ein paar Plakate, die mit niedrigen Preisen werben, und dann wird zu einem Landwirt geschaltet.

Wir sehen ihm dabei zu, wie er einer Kuh die Anschlüsse der Melkmaschine ans Euter hängt, während er darüber klagt, dass seine Existenz bedroht ist, und dass er nur noch 22 Cent pro Liter Milch bekommt, obwohl das doch eigentlich ein “hochwertiges Produkt” ist.

Als Nächstes berichtet uns ein Ernährungsexperte, dass die Industrie mit Zusatzstoffen viel ausgleichen kann und dass im Erdbeerjoghurt keine Erdbeeren mehr sind.

In der Sendung danach belehrt uns dieselbe Reporterin (oder eine andere mit genauso entrüsteter Stimme), dass auch teurer Schinken häufig aus Fleischstücken zusammengeklebt wird.

Die Botschaft ist unmissverständlich, auch wenn sie nicht ausdrücklich geäußert wird: Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Wie kann es eigentlich sein, dass dieser arme Bauer da nur 22 Cent für einen Liter Milch bekommt? Davon kann der doch nicht leben! Und Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren gehört jawohl auch verboten, von Klebschinken ganz zu schweigen. Klingt doch schon eklig!

Wenn ein Landwirt mit den Marktpreisen nicht mehr leben kann, dann arbeitet er offenbar nicht marktgerecht, denn andere können es ja. Auf diese Weise stellt Marktwirtschaft sicher, dass Produktionsprozesse möglichst effizient ablaufen und Ressourcen so eingesetzt werden, wie es für alle am sinnvollsten ist. Wenn ein Schinkenhersteller seinen Schinken klebt, um damit “höhere Profite zu erwirtschaften”, dann ist das moralisch nicht verwerflich, denn seine Kunden haben die Möglichkeit, ungeklebten Schinken zu kaufen, wenn ihnen das wichtig ist. Wenn das genug Kunden tun, wird der Hersteller feststellen, dass seine Strategie nicht aufgeht, und er wird wieder zur traditionellen Fertigung zurückkehren. Wenn die Kunden nicht umsteigen, dann liegt ihnen offenbar nicht viel daran, ungeklebten Schinken zu bekommen. Problematisch ist das nur, wenn der Hersteller lügt und nicht erkennbar ist, ob er Klebschinken oder traditionellen anbietet. Dafür gibt es meines Wissens schon Vorschriften.

Mich regt sowas auf. Ganz ehrlich. Warum bieten die “Discounter” denn die Milch so billig an? Warum sind denn keine Erdbeeren im Joghurt?  Weil die Verbraucher es so wollen. Das Spiel nennt man Markt, Wettbewerb, mündigen Verbraucher, oder schlicht: Freiheit.

Jeder Eingriff der Regierung ist ein Verlust an Freiheit. Und die Erfahrung lehrt, dass jeder solche Eingriff außerdem am Ende kein Problem löst, sondern stattdessen ein Dutzend neue schafft. Permanent schreit jemand danach, die Verbraucher vor sich selbst zu schützen. Diese Vorstellung, erwachsene, mündige, geistig gesunde Menschen vor sich selbst schützen zu müssen, finde ich zutiefst antidemokratisch und gefährlich.

Ich würde mich freuen, wenn unsere Medien ein bisschen mehr dafür täten, die Menschen wirklich zu informieren, statt ihnen einzureden, wie hilflos sie sind, wie gefährlich der unkontrollierte Markt ist und wo sie überall den Schutz der Regierung brauchen.

Natürlich entsteht durch regulierte Milchpreise und verbotenen Klebschinken nicht gleich ein autoritärer Polizeistaat. Aber jede neue kleine Gängelung ist ein neues kleines Stück Freiheit, das der Staat dem Bürger nimmt. Und was der Staat erst einmal hat, gibt er nicht gerne wieder her.


Papst-Ökonomie

13. Juli 2009

In der FAZ steht ein Interview mit einem Wirtschaftsethiker. Der heißt Professor Peter Ulrich und findet die Ideen des Papstes zur neuen Wirtschaftsordnung offenbar richtig gut. Kurz zusammengefasst ist der Heilige Vater für mehr Ethik, weniger Spekulation und eine “echte politische Weltautorität”, die die Weltwirtschaft steuert. Nun kann man gegen Ethik nicht viel sagen, und Spekulation kann naturgemäß auch wirklich schädlich sein, aber trotzdem werde ich bei solchen Sprüchen immer ein bisschen kribbelig, insbesondere bei Autoritäten, die irgendwas weltweit steuern sollen. Papst-Bashing ist mir zu billig, ich klaue ja auch keine Lutscher von Babys, aber zu den Äußerungen von Herrn Professor Ulrich möchte ich ein bisschen was sagen.

Nun ist das gar nicht so einfach, denn in dem Interview findet sich nicht viel kommentierbarer Inhalt. Der größte Teil besteht aus solchem Gerede wie

“Gewinnmaximierung heißt ja, dass ich alle damit konfligierenden Wertgesichtspunkte dieser einen Dimension unterordne, ohne Rücksicht auf die Folgen für die betroffenen Menschen.”

oder

“An die Spitze einflussreicher Unternehmen gehören Leute, die glaubwürdig sind, weil sie integer sind und ihr Wirtschaftsdenken nicht von ihrem Selbstverständnis als anständige Bürger abspalten.”

Man kann dem schwer widersprechen, aber man kann dem meiner Meinung nach auch keinen ernsthaften handhabbaren Vorschlag zu einer Verbesserung unseres Wirtschaftssystems entnehmen. “Es gibt eine Alternative zur Gewinnmaximierung”, steht über dem Interview, aber drin steht nur romantisches Geschwurbel, das jeder gute Politiklehrer in den Arbeiten seiner Schüler ganz dunkelrot markieren müsste. Zum Beispiel:

“Eine faire, ausgewogene Wirtschaftsweise würde immer damit beginnen zu fragen, welche legitimen Ansprüche von wirtschaftlichem Handeln betroffen sind.”

Aha. Ja. Ok. Und jetzt?

“Unser Ziel sollte eine Gesellschaft sein, in der möglichst alle Bürger in realer Freiheit leben. Dazu müssen wir zwischen Bürgerfreiheit und freiem Markt klar unterscheiden.”

Au ja, das klingt fein. Dann machen wir das doch ab jetzt so, oder?

Mit freundlicher Unterstützung durch Oliver von F!XMBR habe ich einen einzigen echten Handlungsvorschlag gefunden, und der lautet, dass Schülern im Wirtschaftskundeunterricht beigebracht werden muss, “dass Konsum allein nicht die Erfüllung des Lebens ausmacht”. So einfach ist das. Ich weiß nicht, ob die Lehrerschaft sich sehr verändert hat, aber mir wurde diese Erleuchtung zu Schulzeiten im Politik-, Deutsch-, Latein-, Kunst-, Geschichts- und sogar im Sportunterricht permanent über den Kopf gehauen, und ich muss gestehen, dass sie mich nicht sehr nachhaltig beeindruckt hat. Natürlich trifft auch dieser Spruch zu, aber gerade weil er so offensichtlich stimmt, ist er vollkommen trivial und sagt uns eigentlich doch wieder gar nichts.

Die “Alternative zur Gewinnmaximierung” sieht also so aus, dass wir eine “faire, ausgewogene Wirtschaftsweise” brauchen, mit Leuten an der Spitze, die “glaubwürdig” sind, und dass möglichst alle Bürger “in realer Freiheit leben”. Noch mal: Der Mann lehrt an einer Universität. Er ist Professor. Er forscht seit Jahren in diesem Bereich. Er hat ein Institut für Wirtschaftsethik gegründet.

Nebenbei: Dass wir die Krise vor allem hemmungslosem Gewinnstreben zu verdanken haben, halte ich für eine grobe Vereinfachung an der Grenze zur schlichten Unwahrheit. Dazu habe ich hier vor einiger Zeit schon mal ein bisschen was geschrieben. Kurz gesagt hat die Krise meiner Meinung nach viel mehr mit völlig falschen Anreizen zu tun, gesetzt von einer Regierung, die unbedingt jedem ein Eigenheim finanziert haben wollte und dafür diese merkwürdigen quasi-staatlichen Vehikel Fanny Mae und Freddy Mac geschaffen hat. Und dann natürlich mit einer gewissen Dummdreistigkeit der beteiligten Banken, die, wie wir gerade erleben, leider völlig gerechtfertigt war. Vielleicht wäre das Wirtschaftssystem, das Herr Professor Ulrich einrichten will, wirklich angenehm zum Leben. Aber wer glaubt, dass es darin keine Krisen mehr gäbe, der ist vielleicht ein echt netter Kerl, versteht aber nicht viel von Ökonomie.

Zum Schluss sagt Professor Ulrich:

“Vor zwanzig Jahren hat man oft den Satz des Satirikers Karl Kraus gehört, in dem ein Student zu seinem Professor kommt und sagt, er möchte gerne Wirtschaftsethik studieren, und der Professor erwidert: ‘Nun entscheiden Sie sich mal, junger Mann: das eine oder das andere?’”

Anscheinend muss man sich wirklich entscheiden.


Wir zahlen nicht für eure Krise!

25. Juni 2009

Ich habe mich einige Zeit lang immer über diesen Spruch geärgert, weil ich ihn für fürchterlich dumm und ein Symptom der antikapitalistischen Krankheit hielt. Ich dachte dabei immer in die Richtung, dass es schon völlig abwegig sei, diese Trennung zwischen “uns” und “euch” zu konstruieren, weil Krisen nun einmal zur freien Marktwirtschaft gehören und weil von der fast alle gemeinsam profitieren.

Aus meiner Sicht besteht der Unterschied zwischen der freien Marktwirtschaft und einer sozialistischen und einer “solidarischen Gesellschaft”, oder wie auch immer man das nennen will, vor allem darin, dass freie Marktwirtschaften regelmäßige Krisen hervorbringen, die Fehlentwicklungen beheben und Raum für Innovationen und neue Wege schaffen, während Planwirtschaften einfach so lange unverändert weiter machen, bis wirklich das ganze System zusammenbricht. Das ist natürlich eine ganz knappe Zusammenfassung meiner Meinnung, aber kommt so ungefähr hin.

Und ganz kurz nochmal: Diese Idee von einer strengeren Finanzaufsicht, die dann Risiken frühzeitig erkennt… Ähh… Ist uns klar, dass das die gleichen Leute organisieren sollen, die heute noch leugnen, dass unser Renten- und Gesundheitssystem grundsätzlich nicht funktionieren kann, so wie es ist? Die gleichen Leute, die wir für zu dumm halten, eine vernünftige Regelung zum Nichtraucherschutz zu finden und die gerade beschlossen haben, dass es die ultimative Maßnahme gegen Kinderpornographie ist, sie ein bisschen zu verstecken?
Aber ich schweife ab.

Dass ich jetzt darüber schreibe, liegt teilweise daran, dass ich gerade eben Peter Schiff in der Daily Show gesehen habe. Peter Schiff ist der Präsident von Euro Pacific Capital, Inc., er hat die Krise kommen sehen, und er hat bei John Stewart sinngemäß gesagt, dass unsere Regierungen durch ihren blinden Rettungsaktionismus nicht viel mehr bewirken, als die Krise zu verlängern und zu vertiefen. Kein Unternehmen ist “too big to fail”, und AIG und GM zum Beispiel sind eigentlich “too big to bail out”. Ich fühle mich bei ihm in guter Gesellschaft.

Besonders deutlich wird das natürlich an den aktuellen Beispielen Karstadt und Quelle und meinetwegen auch noch Opel. Zumindest die ersten beiden waren schon vor der Krise tot und bloß zum träge zum Umfallen. Bei Opel ist das vielleicht nicht so offensichtlich, aber da kann mir nun trotzdem wirklich keiner erzählen, dass die systemrelevant sein sollen. Und noch was: Ich weiß gerade nicht mehr, welcher Politiker das war, der im Zusammenhang mit einer Insolvenz von Opel von “ein Leben lang arbeitslos” gesprochen hat, aber ich finde diesen Spruch bodenlos dumm und respektlos gegenüber den Opelmitarbeitern. Als ob die nie wieder für etwas anderes zu gebrauchen wären.

Erstens verschwindet ein Unternehmen ja nicht spurlos, wenn es ein Insolvenzverfahren durchläuft. Zweitens gibt der Untergang der alten Unternehmen, die den Schuss nicht gehört haben, jüngeren, innovativen Unternehmen die Chance zu wachsen und sich zu entwickeln. Diese Unternehmen brauchen dann wiederum Mitarbeiter.

So gesehen, kann ich diesen scheinbar so dummen Spruch da im Titel durchaus unterschreiben. Ich will auch nicht für die Krise zahlen. Leider fragt mich keiner.


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