Mit Dank an Tim für die freundliche Anregung

15. Mai 2012

Tja, FAZ halt.


Die Jugend von heute

14. Mai 2012

Wir arbeiten gerne mit induktiven Schlüssen, und wir sind sehr gut darin, Muster zu erkennen, und oft klappt das im normalen Alltag auch sehr gut, und darauf sind wir so stolz, dass wir unsere Fähigkeit, mit diesen einfachen Mitteln zur Wahrheit zu gelangen, maßlos überschätzen. Die Sonne ging gestern früh auf, und vorgestern, also wird sie morgen auch wieder aufgehen. Ich wurde zweimal von Zigeunern bestohlen, also sind alle Zigeuner Diebe. Ich habe bisher jedes Halmaspiel gewonnen, bei dem ich meine blauen Ringelsocken trug, also bringen die wohl Glück beim Halmaspielen. Ich habe drei arschlochhafte Artikel von Henryk Broder gelesen, als muss er wohl ein Arschloch sein. Solche Schlussfolgerungen formen unser Weltbild, manchmal mit glücklicherweise richtigem Ergebnis (wie bei der Sonne), manchmal eher nicht so (wie bei den Socken). Und es fällt uns sehr schwer, uns wieder von ihnen zu trennen. Ich muss schon mehr als zwei oder drei Halmaspiele mit den Glückssocken verlieren, bevor ich ernsthaft beginne, an ihrer magischen Kraft zu zweifeln, und auch der vierte Zigeuner, der mich nicht bestiehlt, wird meine Überzeugung nicht erschüttern, dass dieses Volk (von dem ich nicht einmal genau sagen kann, ob es wirklich ein Volk ist und wer eigentlich dazugehört; im Zweifel wahrscheinlich alle Diebe) nur aus Verbrechern besteht.

Ich schreibe nicht nur deshalb “wir”, weil das netter klingt, sondern weil ich wirklich davon überzeugt bin, dass alle Zigeuner kriminell, äh… dieses Problem uns alle betrifft, auch mich. Ich wüsste gerne, wie viele und welche meiner Annahmen über die Welt und das Leben völlig falsch und irrational sind, aber ich werde damit leben müssen, das nie so recht wissen zu können. Vielleicht stimmt sogar diese ganze Einleitung nicht, und ich habe mich nur von den vielen anderen Leuten, die das behaupten, in die Irre führen lassen, weil ihre Behauptungen mehr oder weniger zufällig mit meiner persönlichen Erfahrung übereinstimmen.

So stolpern wir halb blind durch unser Leben und merken gar nicht, wie oft wir versehentlich gegen Wände, Bäume und andere Menschen laufen, und sind deshalb wahnsinnig stolz auf unsere Scharfsichtigkeit. Teilweise haben wir natürlich keine Wahl, denn wir müssen jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende Entscheidungen auf Basis unzureichender Daten treffen. Wir haben zwar mit der Wissenschaft eine Methode entwickelt, die  (anscheinend, bis auf Weiteres) wesentlich besser funktioniert als das, was wir euphemistisch “gesunden Menschenverstand” nennen, aber bei vielen Alltagsfragen wäre es nicht praktikabel, auf wissenschaftlicher Genauigkeit zu bestehen, und wir können bestenfalls mit einer groben Näherung von Rationalität arbeiten.

Wofür diese lange Einleitung gut sein soll? Sie soll einerseits erklären, warum ich mich über das FAZ-Interview “Wir erziehen eine unmündige Generation” einerseits geärgert habe, warum ich aber andererseits nicht so sicher bin, wie gerechtfertigt mein Ärger ist.

Dieses Interview enthält einerseits nahezu keine belastbare Information. Sie enthält jede Menge Eindrücke und Gefühle des Interviewten, die offenbar gut zu den Vorurteilen der Interviewer passen und deshalb in schöner Harmonie von niemandem infrage gestellt werden.

Sie sind ja auch Psychologe. Gibt es eine Überidentifikation mit dem Kind und enorme Versagensängste bei den Eltern?

Viele Eltern projizieren in der Tat das, was sie selbst nicht erreicht haben, in die Kinder hinein.

Den Rest des Beitrags lesen »


Und Brecht muss es ja wissen.

18. April 2012

Ich weiß nicht, ob ich nur zynisch und paranoid bin, aber ich habe derzeit den Eindruck, dass die faz nicht nur Freude daran hat, möglichst viel gehässigen Unsinn über die Piratenpartei zu schreiben, sondern sich dabei außerdem noch eines besonders armseligen Mittels bedient: Des Konsensinterviews. Ich weiß nicht, ob es dafür schon einen anderen Begriff gibt, aber bis auf Weiteres bleibe ich bei meinem, und es gibt eigentlich kaum eine Form von Journalismus, für die ich mich als Journalist mehr schämen würde.

Während Patrick Christian Lindners Bemerkung “Nur weil die Piraten gern gratis Filme, Musik und Bücher aus dem Internet herunterladen, ist das für die Gesellschaft insgesamt nicht gut.” noch eine dumme Gehässigkeit hätte sein können, die wir nur ihm persönlich zu verdanken haben, ist das vorgestrige Interview mit der kulturpolitischen Sprecherin der Grünen Agnes Krumwiede für mich kaum noch anders zu erklären als durch völlig Befreiung von jeglichem Anspruch und Schamgefühl seitens der verantwortlichen Mitarbeiter.

Kurzer Exkurs: Ja, Frau Krumwiede ist auch Pianistin. Ist doch klar, dass ich mich an Künstler wende, wenn ich was zum Urheberrecht wissen will. Wenn es um Jagdrecht geht, ist doch auch ein Hirsch der beste Ansprechpartner.

Konsensinterviews zeichnen sich dadurch aus, dass sie völlig auf investigative Fragen und eigentlich jede Form von Journalismus verzichten, weil es in ihnen nur darum geht, dass die Gesprächspartner einander möglichst nachdrücklich zustimmen. Wenn man noch ein kleines bisschen Respekt vor den Lesern hat, versteckt man das durch Scheinfragen wie:

Brauchen wir ein „neues“ Urheberrecht?

oder

Die Kritiker heben auf die „Verwerter“ ab und sagen, es gelte, deren Interessen auszuschalten, um für die gebeutelten Urheber einzutreten. Geht die Gleichung auf?

(Anscheinend hörte das Interview sehr früh auf, sich auf die Piratenpartei zu beziehen, und drehte sich dann stattdessen um irgendwelche diffusen “Kritiker”. Nicht, dass irgendjemand sich Mühe gegeben hätte, sicherzustellen, dass niemand auf die Idee kommt, es gehe hier um die Position der Piratenpartei.)

Aber man kann natürlich auch völlig enthemmt auf Fragen verzichten und der Interviewpartnerin nur noch Stichwörter geben:

Man kann den Eindruck haben, das Grundsätzliche gerate aus dem Blick.

(Ja, das ist die ganze Frage.) oder:

Es gibt einen erstaunlichen Gleichklang zwischen den Forderungen der Piraten und den Interessen von Internetkonzernen wie Google oder Facebook.

Und diese … naja, Frage fand ich nun schon so perfide, dass mir beinahe die Worte fehlen. The fuck, faz? Ich meine … Bin ich das, oder will Michael Hanfeld hier unterstellen, dass die Piraten in Wahrheit gekaufte Schergen finsterer Konzernbosse sind, traut sich aber nicht, das direkt zu sagen, weil diese Unterstellung sogar für ein FAZ-Interview zu blöde und zu unverschämt wäre?

Frau Krumwiede antwortet darauf jedenfalls einfach mal fröhlich frei:

Forderungen wie nach einer Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfristen bedienen in erster Linie die Interessen großer Internetkonzerne.

Das muss sie natürlich nicht erklären oder begründen, denn es ist ja ein Konsensinterview. So kann sie ganz ungestört weiter erzählen:

Dass Google auch in Berlin ein Institut finanziert zur „unabhängigen“ Erforschung von Internetfragen, bereitet mir Unbehagen.

Unbehagen. Ist klar. Wo kommen wir denn da hin, wenn Unternehmen Forschung betreiben?

Wie unabhängig ist Forschung, wenn sie von einem Internetriesen finanziert wird?

Genau, Frau Krumwiede. Forschung ist natürlich nur dann unabhängig, wenn sie … ähm … nicht finanziert wird. Ansonsten bereitet sie uns Unbehagen. Oder ist es eher so, dass Unabhängigkeit uns nur wichtig ist, wenn sie sich auf Geldgeber bezieht, die wir nicht mögen? Und was hat das jetzt noch mal mit der Politik der Piratenpartei zu tun? Hm. Vielleicht müssen wir darüber noch mal nachdenken. Aber die Hauptsache ist doch:

„Wo die wirtschaftliche Macht ist, verliert der Urheber“, hat Bertolt Brecht erkannt.

Ich schätze, damit ist die Sache klar.

Um Himmels Willen. Ich bin ja nun auch kein Anhänger der Piratenpartei, und ich habe bis auf Weiteres keine Meinung dazu, wie ein vernünftiges Urheberrecht aussehen sollte, aber wenn ich lese, was die FAZ zurzeit so dazu schreibt, bin ich immer ganz ratlos, ob ich die Leute, die dort arbeiten, verachten oder bemitleiden soll, oder ob ich vielleicht doch versuchen sollte, professionelle Hilfe zu organisieren.


Schluss mit der Geschmacklosigkeit

14. März 2012

Es gibt so Leute, zu deren Beschreibung eigentlich nur eine bestimmte Kategorie von Begriffen passt, die ich aber aus verschiedenen Gründen nicht gerne benutzen möchte, zum Beispiel, weil sie Anlass zu rechtlichen Maßnahmen bieten könnten. Jakob Strobel Y Serra scheint so einer zu sein, falls dieser Artikel auf FAZ.net Rückschlüsse auf seinen Charakter zulässt, was nicht zwangsläufig der Fall sein muss.

Wir essen zu billig und denken zu wenig über unser Essen nach.

schreibt Herr Strobel Y Serra. Da ist was dran, mag man sagen, und vielleicht ließe sich mit einem solchen Satz sogar ein Artikel beginnen, der mich nicht dazu bringt, seinen Verfasser mit Begriffen zu bedenken, mit deren Aussprache oder Niederschrift ich mich strafbar machen könnte. Aber der Fortgang dieses … Textes lässt einen solchen Spielraum beim besten Willen nicht mehr erkennen:

Es ist schlimm genug, dass wir massenhaft Fastfood in uns hineinstopfen. Noch schlimmer ist, dass wir behaupten, es schmecke uns

An dieser Stelle weiß ich, dass dieser Mann beseelt sein muss von einer Hybris, die sogar mich, der ich ja ohne Zweifel auch manchmal zu diesem Charakterfehler neige, weniger vor Neid als vor Ekel erblassen lässt. Anderen Leuten zu erzählen, was sie essen sollten, ist schon am Rande des guten Geschmacks. Anderen Leuten zu erzählen, was ihnen schmeckt, ist so unsympathisch, dass … Aber das hatte ich ja eingangs schon geschrieben.

Jeder, der gerne reist und gerne isst, kann Geschichten erzählen von kulinarischen Erweckungserlebnissen am Straßenrand [...]  Hier hockt man in Feinschmeckers Himmelreich, das seine Pforten niemals schließen möge, knackt unter Sternen und Tamarinden Krebse und Langusten, zahlt lächerliche fünf, sechs Euro, die man für ein Spottgeld hält. Und dann kommt man nach Hause zurück, sieht im Vorbeigehen, was wirklich billig ist: Döner für 2,80 Euro, Currywurst für 2,20 oder McDonald’s-Plastikpampe für 1,99

Ich weiß nicht, wie eure Erfahrungen sind, aber für mich funktioniert es als Faustregel ganz gut, Leute in die Kategorie “Muss ich nicht kennen.” einzuteilen, wenn sie sich mit völlig unangemessen überzogener Überheblichkeit darüber erregen, wie schlecht das Essen bei McDonald’s ist. Das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass ich selbst da sehr gerne hin und wieder esse und auch jederzeit gerne nachdrücklich behaupte, es schmecke mir, sondern eben vor allem damit, dass Leute, die andere über deren eigenen Geschmack zu belehren versuchen, einfach keine vielversprechenden Gesprächspartner sind. Ähnliches gilt für haltlose Pauschalisierungen darüber, dass Leute, die einem nicht zustimmen, die Wahrheit nur nicht sehen oder hören wollen. Und wen wundert’s? Natürlich werden wir auch hier in Herrn Strobel Y Serras Text fündig:

Denn wir sehen nicht, dass wir uns von Ramsch ernähren. Wir wollen nicht hören, welcher Dreck in unserer Nahrung steckt.

Und nach diesen Sätzen habe ich dann endgültig aufgehört zu lesen, was euch vielleicht auch ganz recht ist, weil ihr womöglich Besseres zu tun habt als mir noch ein paar Stunden lang zuzuhören, wie ich über diesen FAZ-Autoren schimpfe:

[In Deutschland] haben ganze Bevölkerungsschichten, ganze Generationen es in ihrer Geizgeilheit und ihrem Küchenanalphabetismus fast verlernt, dass gutes Essen gutes Geld kostet und billiges Essen niemals gut sein kann [...] Sie sind bereit, für das Fünfundsechzig-Minuten-Konzert eines kapriziösen Popsternchens dreistellige Summen auszugeben. [...] Es sind dieselben Menschen, die dafür sorgen, dass eine Firma wie Apple dank ihrer iPhones und iPads in einem einzigen Quartal einen Gewinn von dreizehn Milliarden Dollar macht.

Herr Strobel Y Serra, auch wenn Sie dies mutmaßlich niemals lesen werden, ist mir in meiner kapriziösen Art gerade danach, Sie zum Abschluss direkt anzusprechen: Es gibt Menschen, die in ihrem Leben andere Prioritäten setzen als Sie und denen manche Konzerte und ihr iPhone wichtiger sind als sich so zu ernähren, wie es Ihnen schmeckt. Das ist genausowenig dumm oder klug oder richtig oder falsch wie Ihre Entscheidung, statt in ein iPhone und Konzerte in ein Degustationsmenü zu investieren. Dumm und falsch ist es hingegen, das Essen anderer Leute als Dreck zu bezeichnen und sich über jemanden zu erheben, weil er einen anderen Geschmack hat als man selbst. Als jemand, der durchaus selbst auch mal dazu neigt, auf andere Menschen herabzublicken, weil sie die Welt anders sehen als ich selbst, möchte ich Ihnen sagen, dass mir lange niemand mehr auf so schmerzhafte und damit anschauliche Weise vorgeführt hat, wie ekelhaft und borniert und dumm und rundum widerlich diese Neigung ist. Dafür vielen Dank.


Davos weh tut (2)

29. Januar 2012

So, der Rant ist fertig, jetzt sehe ich mich in der Lage, über das Interview der FAZ mit Herrn Appel von der Post zu schreiben, ohne mich strafbar zu machen. Los geht’s.

Schon die Überschrift ist bezeichnend für die Haltung des Herrn:

„Wir Besserverdiener wollen höhere Steuern zahlen“

Herr Appel, sie unaufrichtiger Mensch, Sie. Das haben Sie natürlich diplomatisch formuliert. Wie viel weniger nett hätte es geklungen, wenn Sie etwas gesagt hätten, was der Wahrheit näher käme, wie zu Beispiel:

“Ich und ein paar Leute, die ich kenne, sind der Meinung, dass andere Leute gezwungen werden sollten, höhere Steuern zu zahlen, und würden in dem Fall sogar akzeptieren, dass es uns dann eben auch treffen muss.”

Denn wenn es Ihnen wirklich nur darum ginge, für eine Gruppe zu sprechen, die gerne freiwillig höhere Steuern zahlen will, dann müssten Sie nicht darüber sprechen. Sie und diese anderen Menschen, von denen Sie reden, die offenbar gemeinsam mit Ihnen in der glücklichen Lage sind, zu viel Geld zu haben, könnten es einfach tun, und uns andere, die wir unser Geld noch selbst brauchen, vielleicht, weil wir nicht das Glück haben, für Monopolkonzerne zu arbeiten, die Jahrzehntelang alles vom Staat feingesiebt in diverse Körperöffnungen geblasen bekommen haben, mit Ihren Genörgel verschonen.

Hm. Anscheinend hat der Rant doch noch nicht allen Ärger aufgebraucht. Ich bitte um Entschuldigung und gehe jetzt mal einen Tee trinken. Wenn ich wiederkomme, müsste ich sachlicher sein.

So, bin zurück. Nächster Versuch. Fangen wir von vorne an, da wird es auch gleich lustig. die FAZ fragt, mit welchem Gefühl Herr Appel aus Davos nach Hause fährt, und er antwortet:

Mit dem Gefühl, dass das Schlimmste der Krise überstanden ist – diese Zuversicht höre ich aus vielen Gesprächen heraus.

Die FAZ weist ihn darauf hin, dass es üblicherweise anders kommt, als die Gipfelteilnehmer prognostizieren, worauf Herr Appel zustimmt und nun plötzlich die gegenteilige Erfahrung gemacht hat:

Meist tritt nicht ein, was die Majorität denkt – das deckt sich mit meiner Erfahrung. Insofern mag es Sie trösten, dass in Davos niemand jubelnd unterwegs ist. Es hat sich noch keine klare Mehrheit herausgebildet.

Ach so. Na gut, diese Argumentation ist wasserdicht. Ich schätze, wir können uns auf einen Boom freuen.

Angesichts von so viel Albernheit kann auch der FAZ-Mann nicht ernst bleiben, oder er hat versehentlich den Stichwortzettel von Bernd Stelter mitgenommen, was weiß ich?

Wie stellt sich aus Ihrer Warte die Misere in Griechenland dar? Transportieren Sie noch Pakete dorthin?

Ich kann mir den verdutzten Gesichtsausdruck und den verunsicherten Tonfall von Herrn Appel vorstellen, als er mit “Selbstverständlich” antwortet, worauf der investigative Journalist von Deutschlands bester Tageszeitung knallhart nachfragt:

Die Rechnung wird auch bezahlt?

Aber es wird auch irgendwann wieder ernst, und Herr Appel erklärt seine Position zum “ausufernden Finanzkapitalismus”:

ich glaube wie [Frau Merkel], dass wir eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte brauchen.

[...]

Ich spreche von einer Form des Finanzkapitalismus, der keinen Nutzen für den Kunden generiert, denn der entzieht der sozialen Marktwirtschaft das Fundament

[...]

 Nur wer keinen Mehrwert generiert, der sollte auch nicht exzessiv bezahlt werden.

Und da bin ich jetzt nicht sicher, ob ich unfair bin, aber für mich klingt da diese anscheinend verbreitete Einstellung durch, dass man Dinge ruhig verbieten kann, die einem keinen Vorteil bringen. Warum sollten diese blöden Banker etwas tun dürfen, was “keinen Nutzen für den Kunden generiert”?

Ja, warum? Aus demselben Grund, aus dem wir alle nicht nur das tun dürfen sollten, was irgendjemand anders für nützlich befindet. Weil der Mensch nicht das Recht hat, andere Menschen zu zwingen, das zu generieren, was er selbst für Mehrwert hält. Herr Appel maßt sich hier etwas an, was ich für ungeheuerlich halte, was aber in der politischen Debatte als selbstverständlich gilt: Man schreibt anderen vor, das zu tun, was man selbst gern hätte. Mir gefällt es nicht, wenn jemand komplizierte Finanzderivate einsetzt, das gehört verboten. Mir gefällt es nicht, wenn jemand nur weiße Männer als Kellner einstellen will, das wird bestraft. Mir gefällt es nicht, wenn Leute Bücher zu billig verkaufen, her mit der Buchpreisbindung.

Ich muss nun zugeben, dass ich in diesem Bereich nur sehr beschränkt mit objektiver Wahrheit argumentieren kann. Ich kann vielleicht darauf hinweisen, dass meiner Meinung nach solche Vorschriften uns allen letzten Endes schaden, aber eigentlich ist das nicht mein Hauptargument. Mein Hauptargument ist eigentlich nur, dass ich echt nicht gerne in einer Gesellschaft leben möchte, in der ich permanent irgendeinem Zwang unterworfen bin, der in meinen Augen durch nichts gerechtfertigt ist. Es kotzt mich einfach an, dass Leute wie Herr Appel oder Herr Trittin oder Frau Merkel oder Herr Rösler sich das Recht herausnehmen, zu entscheiden, wie ich mich krankenversichern muss, ob ich beim Radfahren einen Helm trage, und zu welchem Preis ich Bücher kaufe. Ich meine, jetzt mal ehrlich: Buchpreisbindung? Buchpreisbindung? Geht’s noch? (Ich weiß natürlich, dass es hier eigentlich nicht um Buchpreisbindung geht und Herr Appel kein Wort zur Buchpreisbindung verloren hat, aber das ist mir gerade egal.)

Ja, das ist eine Geschmacksfrage. Ihr könnt das anders sehen, und ich kann schwerlich behaupten, das eure Position in irgendeinem objektiven Sinne fehlerhaft wäre. Aber ich kann mir doch zumindest wünschen, dass diejenigen, die das anders sehen, wenigstens offen damit umgehen. Wenn jemand meint, das Recht zu haben, Zwang gegen andere Menschen auszuüben, dann sollte er das meiner Meinung nach offenlegen und genau erklären, wie seine Rechtfertigung aussieht, statt seine Absichten hinter verschüchtertem Gemurmel von “Wir Besserverdiener wollen” und “sollte” und “Fundamenten der Sozialen Marktwirtschaft” zu verstecken, oder frommen Sprüchen wie “Der Staat sind wir”. Ich weiß nicht, was du bist, aber ich bin jedenfalls nicht der Staat. Wenn jemand mich unter Androhung von Gewalt zu etwas zwingen will, dann soll er das bitte mit vorgehaltener Waffe tun und nicht auch noch von mir erwarten, sein komisches Spiel von Vernunft und Konsens und Moral mitzuspielen.

Ja, das war jetzt ein bisschen pathetisch. Aber ist ja auch Sonntag, da darf man doch wohl ein bisschen übertreiben. Und ich hatte ja auch nie behauptet, dass ich sachlich bleiben will. Ich wollte mich nur nicht strafbar machen. Mission accomplished.


Code

8. Januar 2012

These people are good, honest, smart, not bat shit crazy people, so why the fuck are they saying bat shit crazy stuff to me?

sagt Penn Jillette, und er vermutet, dass die Leute in einem Code sprechen, den er nur nicht versteht. Das ist eine lustige Idee, aber ich glaube das nicht. Ich denke, dass Menschen generell in der Lage sind, zu einer bestimmten Sache völlig bekloppten Mist zu sagen, und trotzdem ansonsten völlig normal zu funktionieren. Compartmentalization. Für mich immer wieder bemerkenswert.

Unser heutiges Beispiel ist die Rabbinerin Elisa Klapheck, die bei faz.net wirklich eine ganz besondere Dose bat shit crazy stuff aufgemacht hat. Ich kann von ihr natürlich nicht guten Gewissens behaupten, dass sie eine gute, anständige, kluge, nicht völlig bekloppte Person wäre, aber ich unterstelle es ihr einfach mal wohlwollend. Und trotzdem sagt sie zuerst

Die Schuld des Verbrechers ist eine andere als die finanzielle Schuld oder die Schuld gegen Gott. 

was einerseits durchaus Sinn ergibt, andererseits aber…. sagen wir: keine große Erkenntnis ist. Wenn ich jemanden totschlage, ist das was anderes, als wenn ich mir Geld von ihm leihe. Wow, Danke, Frau Rabbinerin. Und dann vergisst sie diese Unterscheidung für das restliche Interview wieder und wirft die verschiedenen Konzepte fröhlich durcheinander, und wenn sie schon mal dabei ist, vermischt sie das Ganze noch mit einer dieser bat shit crazy abenteuerlichen Ideen von Ethik und Mitmenschlichkeit, die Religionen uns andrehen wollen:

Den Rest des Beitrags lesen »


Pardon, wem?

13. Dezember 2011

Nachdem das gestern so erfolgreich war, habe ich heute gleich noch mal die faz.net-Startseite überflogen, und siehe da, ich bin wieder fündig geworden. Kein Geringerer als Sigmar Gabriel erklärt uns dort, “Was wir Europa wirklich schulden“. Wahrscheinlich, weil sie keinen Geringeren finden konnten. Egal. Ich will uns hier nicht mit niveaulosen Späßen über die Person Sigmar Gabriel aufhalten, sondern die Gelegenheit nutzen, mal was über die so genannte Eurokrise zu schreiben, was ich in Anbetracht der aktuellen zumindest scheinbaren Bedeutung derselben viel zu selten tue. Was auch immer man sonst über Gabriel und seinen Aufsatz sagen könnte, zumindest bietet er dafür eine ganz brauchbare Vorlage.

Den Rest des Beitrags lesen »


Lange nicht mehr auf faz.net rumgehackt

13. Dezember 2011

Deswegen bin ich mir für nichts zu schade und greife nach jedem Strohhalm, so zum Beispiel diesem putzigen kleinen Kommentar zur Wüstenrot-Affäre (von der ich seit ungefähr zehn Minuten Kenntnis habe, aber das soll mich nicht davon abhalten, fundiert Stellung zu beziehen):

Auf einer Belohnungsreise der Bausparkasse Wüstenrot haben sich einige Mitarbeiter mit Prostituierten vergnügt. „Außerhalb des offiziellen Besuchsprogramms“, wie der Konzern betont. Das aber ist ganz unerheblich.

Recht hat er, möchte man sagen, aber nein. So meint Herr Krohn das nicht. Er meint, dass es keine Rolle spielt, ob der Sex mit Prostituierten Bestandteil der Belohnungsreise war oder nicht.

Wenn die Vertreter auf Konzernkosten unterwegs sind, stehen sie damit unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit. [...] Wer mit dem Geld von Kunden spielt, muss sich insgesamt besser verhalten, um Vertrauen zu gewinnen.

Als ich anfing, diesen Post zu schreiben, schien mir der Anlass wirklich ein sehr mickriger. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto ärgerlicher erscheint mir die Dummdreistigkeit dieser Forderung. Liegt das daran, dass ich mich sinnlos in Stimmung schreibe, oder versteht ihr, was ich meine? Ich versuche mal, zu erklären:

Wir gehen mal davon aus, dass die Prostituierten nicht vergewaltigt wurden und auch sonst keine Straftat vorlag und dass das Vergnügen in gegenseitigem Einvernehmen stattfand. Herr Krohn hätte anderenfalls mutmaßlich darauf hingewiesen, falls er das nicht auch unerheblich findet. Aber ich schweife ab. Sex zwischen einvernehmlich handelnden geschäftsfähigen Personen geht niemanden etwas an, außer diesen Personen selbst. Ob er nun heterosexuell, homosexuell, sadomasochistisch, kostenpflichtig oder in pelzigen Tierkostümen stattfindet. Wenn jemand sich bereit erklärt, mit einem anderen Menschen gegen Zahlung zu koitieren, sehe ich darin kein moralisches Problem. Herr Krohn offenbar schon. Er findet Sex mit Prostituierten offenbar nicht gut. Er nennt es ein “Fehlverhalten”. Und er findet, dass andere Leute sich danach zu richten haben, was er gut findet.

Und damit habe ich ein Problem. Es geht ihn nichts an, und es geht uns alle nichts an. Wie albern ist denn das, hier im Bariton großer Besorgnis darüber zu referieren, welche Vorbildwirkung das Verhalten der betroffenen Wüstenrotmitarbeiter hat und dass man sich “besser verhalten” muss, um Vertrauen zu gewinnen?

Ja wo kämen wir denn hin, wenn Konzernangestellte außerhalb der Arbeitszeit einfach machen könnten, worauf sie Lust haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie “unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit” stehen? Was wäre das denn für eine Welt, in der es uns zeitweise einfach mal egal sein könnte, welches Verhalten wohl am ehesten den Vorstellungen unserer Kunden und der Journalisten von faz.net entspricht?

Und wenn Krohn selbst die Verbindung zur Finanzkrise zieht,

Deutsche Verbraucher sind in Sorge. In der Finanzkrise tun sie sich schwer, passende Anlageprodukte zu finden, die ihnen zumindest einen Inflationsausgleich sicherstellen. Ihnen gegenüber sitzen zum Teil leider Ratgeber, die das Vertrauen der geplagten Anleger nicht verdient haben.

dann könnte er in meinen Augen an dieser Stelle vielleicht erkennen, dass diese Krise auch von Anfang an ein beklagenswertes Versagen der Medien war, und dass es vielleicht kein Schritt in die richtige Richtung ist, öffentlich zu diskutieren, was “Ratgeber” (Verdammt noch mal, diese Leute nennen sich vielleicht aus offensichtlichen Gründen selbst Ratgeber, aber warum bitte sollte ein Journalist diesen bescheuerten Titel übernehmen? Ich kaufe mein Auto doch auch nicht vom Kraftfahrzeugberater!) in ihrer Freizeit mit wem wo veranstalten und wie er zu ihren Freizeitaktivitäten steht, statt die besorgten Verbraucher tatsächlich zu informieren.

[Ein Nachtrag, den ich untypischerweise schon vor der Veröffentlichung einfüge: Gerade lese ich, dass die Reise nach Brasilien ging, wo Prostitution offenbar strafbar ist. Na gut. Auch dumme Gesetze sollte man als Tourist tendenziell einhalten. Ändert aber meines Erachtens nichts an meinen Ausführungen, außer dass der Begriff "Fehlverhalten" dann wohl doch gerechtfertigt ist.]


Wer ist hier paranoid?

27. Oktober 2011

faz.net? Ich? Vier alle?

Vielleicht reagiere ich ja über, aber die Untertöne dieses faz.net-Artikels über die Kölner Zentralmoschee klingen bei mir doch reichlich widerwärtig an. Vorgeschichte: Die Türkisch-Islamische Union (Ditib) als Bauherrin besagter Moschee hat offenbar den Architekten aus dem Projekt geworfen. Und faz.net findet die Gründe dafür nicht überzeugend.

Baumängel und Nachforderungen sind bei Projekten dieser Größenordnung Tagesgeschäft, und es ist Aufgabe des Architekten, sie abzuarbeiten. Daraus eine außerordentliche Kündigung zu konstruieren, erscheint so unangemessen, wie deren Zeitpunkt irritieren muss.

So weit, so egal, und bis dahin habe ich noch kein großes Problem mit der Sache, abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum eine überreagionale Zeitung darüber berichtet. Möglicherweise hatte faz.net selbst da auch keine gute Rechtfertigung und beschloss deshalb, noch ein größeres Fass aufzumachen:

So spricht vieles für die Vermutung, dass die Ditib den Architekten loswerden wollte, um freie Hand zu haben. Hat Böhm, den sie gleichsam als Bautrojaner einsetzen konnte, um als weltoffene, liberale Organisation zu erscheinen, seine Schuldigkeit getan?

Wir kennen diese Unterstellungstechnik mit dem Fragezeichen aus einer anderen großen deutschen Zeitung mit einem großen Buchstaben mehr als die FAZ, und wie das oft so ist, wird sie nicht weniger anrüchig, weil jemand anders sie einsetzt. Abgesehen davon, dass ich im Artikel keinerlei Belege für diese Annahme finde, wäre es doch auch eine merkwürdige Technik: Ich suche mir einen Architekten, der mich (Wodurch eigentlich?) weltoffen und liberal darstellen lässt, um dann kurz vor dem Ende meines Bauprojekts eine öffentliche Schlammschlacht mit ihm anzufangen, denn jeder weiß ja: Einen einmal erworbenen guten Ruf kann man durch Fehlverhalten niemals wieder ruinieren. Oder so.

Der Verfasser Andreas Rossmann geht aber noch weiter:

Schlechte Zahlungsmoral, Preisdrückerei, die Qualitätsdefizite zur Folge hat und in Mehrkosten umschlägt, Ignorieren von Absprachen und mangelnde Verbindlichkeit – entspricht das nicht den Klischees, denen “die Türken” sich ausgesetzt sehen?

The fuck, FAZ? Geht es noch ein bisschen schmieriger? Und wenn er erst einmal angefangen hat, bleibt er auch auf dieser Schiene:

Doch hat die Ditib mit der Kündigung des Architekten nicht nur Vorurteile bedient, sondern auch die Sympathie, die die Mehrheit der Kölner dem Projekt bislang entgegenbringt, leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Ach, diese dummen, unzuverlässigen, kurzsichtigen, unehrlichen Türken. Da bedienen sie nicht nur Vorurteile, sondern setzen in ihrer Dummheit und Kurzsichtigkeit auch noch die Sympathie aufs Spiel, die die Kölner ihrem Bauprojekt bislang großzügigerweise entgegengebracht haben.

Es geht nicht “nur” um Architektur, sondern, wie der Umgang mit ihr offenbart, um eine Kulturfrage.

Okay. Und jetzt wüsste ich von euch gerne: Bin ich hypersensibel, wenn ich zu dem Schluss komme, dass der Autor hier nicht nur Vorurteile bedient, sondern auch die Sympathie, die die Mehrheit der Kölner dem Projekt bislang entgegenbringt, leichtfertig aufs Spiel setzt, indem er mehrfach sehr deutlich impliziert, es wäre erstens was Besonderes, dass Deutsche es sich gefallen lassen, dass Ausländer in ihren Städten Moscheen bauen, und zweitens wären “Schlechte Zahlungsmoral, Preisdrückerei, die Qualitätsdefizite zur Folge hat und in Mehrkosten umschlägt, Ignorieren von Absprachen und mangelnde Verbindlichkeit” typisch türkisch und “eine Kulturfrage”? Oder lest ihr das auch so?


Restebloggen (76)

24. Oktober 2011
  1. Letzte Woche dreimal nacheinander mit drei verschiedenen Krankenkassen: Wir erhalten einen Brief von unserem Dachverband, in dem sie eine Vertragsabsicht/Ausschreibung ankündigen und uns bitten, uns zur Anforderung der Unterlagen an Mitarbeiterin@Krankenkasse.de zu wenden. Ich schreibe also die erbetene Mail und bekomme eine ziemlich barsche Antwort zurück, in der steht, dass ich mir die Unterlagen doch bitte unter www.sonstwas.com/Ausschreibungen runterladen und mich nur für dann noch offene Fragen an die Mitarbeiterin wenden soll. Ich habe das Gefühl, dass man diesen Prozess irgendwie effizienter gestalten könnte. Ich komme nur noch nicht drauf, wie…
  2. Wer nervlich nicht so belastbar ist, möchte sich “He Dies at the End” vielleicht lieber nicht ansehen. Ich persönlich fand den Kurzfilm sehr unterhaltsam und muss zumindest für mich selbst zugeben, dass er trotz der lächerlich einfachen Mittel erschreckend gut funktioniert hat. Mit Dank an Jeff Strand für den Tipp:
  3. Matt Dillahunty hat genau die richtigen Worte für den Papst gefunden. Es geht hier zwar konkret um den Kommentar des Papstes zu den Anschlägen vom 11. September 2001, passt aber zu jeder Gelegenheit.
  4. Für diejenigen unter euch, die sich schon immer gewünscht haben, dass jemand mal die Tafelanschriften in Pornos auf Richtigkeit und Informationswert prüft, gibt es Blackboards in Porn.
  5. Völlig unabhängig von ihrer politischen (und religiösen und religionspolitischen) Orientierung finde ich die polittische Geschäftsführerin der Piratenpartei Marina Weisband gerade ganz toll. Weil sie bedeutende Fragen stellt wie “Ab welchem prozentualen Verhältnis zwischen Medikamenten und Frühstück wird es eigentlich bedenklich?“, und weil wir von ihr lernen können, wie man aus einem Herrenhemd ein Abendkleid macht.
  6. Weil faz.net ein Qualitätsmedium ist, übernimmt man vermeldetete Forschungsergebnisse dort nicht einfach nur kritiklos, sondern recherchiert ganz skeptisch, ob hinter den vermeintlich wissenschaftlichen Studien auch wirklich eine solide Methodik steckt und wie die Ergebnisse zu interpretieren sind. Das macht man natürlich nur dann, wenn diese Ergebnisse einem nicht so gut in den Kram passen. Sonst muss das nicht sein. Aber immerhin.
  7. Liegt das eigentlich an mir, dass ich Helmut Schmidt inzwischen erheblich lustiger finde als Harald, letztem aber als Bundeskanzler und politischem Publizisten erheblich mehr zutrauen würde?

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers