Wenn einer schon “Darwinismus” schreibt

22. März 2013

Hier kommt der Denkmaldarwinismus

titelt faz.net unter dem mal wieder selten blöden Übertitel (Oder wie nennt man die, wenn sie in klein oberhalb des eigentlichen Titels stehen?) “NRW-Haushalt mit Folgen”, als wäre ein Haushaltsbeschluss eines Parlaments üblicherweise etwas völlig Unbedeutendes ohne jegliche Konsequenzen für irgendwen.

Von nun an müssen sich Denkmäler rentieren: Wie Nordrhein-Westfalen sein bauliches Erbe missachtet

So ist das also. Wenn man Leute nicht mehr unter Gewaltandrohung zwingt, ihr Geld nicht mehr für sich selbst auszugeben, für Lebensmittel, für Kleider, für Spenden an Bedürftige, für hungernde Kinder oder (Wir wollen ja ehrlich bleiben.) für VW Touaregs und Ed-Hardy-Shirts, sondern für die Erhaltung alter Gebäude, wenn man einfach den Menschen die Wahl lässt, ob ihnen diese alten Gebäude wichtiger sind, oder die Hungersnöte in der dritten Welt, oder der VW Touareg, dann missachtet man damit sein bauliches Erbe (als wäre das irgendwie schlimm, als wäre die Missachtung von Gebäuden etwas so Unerträgliches, dass die bloße Erwähnung dieser Abscheulichkeit jede weitere Abwägung mit sowas wie Eigentumsrechten oder allgemeiner Handlungsfreiheit überflüssig macht).

„Denkmäler, die es, weil sie unrentabel sind, nicht aus eigener Kraft schaffen, haben keine Überlebenschance“, bringt Markus Harzenetter, der Landeskonservator für Westfalen-Lippe, das Problem auf den Punkt: „Das kann eine Kapelle am Wegrand oder die alte Scheune eines Bauernhofs sein.“

Wenn nicht genug Leute bereit sind, Geld für die Erhaltung einer alten Scheune auszugeben, wird diese alte Scheune nicht erhalten. Und das ist also ein Problem.

Leute, jetzt mal ehrlich: Ich weiß, dass ich mit meiner Auffassung ziemlich alleine dastehe, der Staat sei schon grundlegend als Konzept völlig daneben. Aber wir können uns doch bestimmt darauf einigen, dass Steuern den Bürgern zwangsweise weggenommen werden, und eine Einschränkung ihrer Freiheit bedeuten, und dass man deshalb nur Dinge über Steuern finanzieren sollte, die wirklich sehr, sehr, sehr überragend wichtig sind. Bei Straßen verstehe ich das zum Beispiel im Prinzip noch. Bei Sozialhilfe verstehe ich es sogar noch mehr, denn die Erhaltung von menschen ist eine überragend wichtige Angelegenheit, und ihre Missachtung ist wirklich ein Problem. Bei der Landesverteidigung leuchtet es mir ein, obwohl ich bei all diesen Dingen nicht glaube, dass sie nur mit Zwang zu finanzieren sind.

Aber die Erhaltung alter Scheunen, für deren Erhalt offenbar niemand freiwillig etwas tun will?

Echt jetzt?

Das soll rechtfertigen, Menschen Geld wegzunehmen, mit dem sie vielleicht lieber einen Französischkurs machen wollen, oder nach Wien reisen, oder eine Patenschaft für ein chilenisches Kind übernehmen, oder meinetwegen sogar eines dieser widerliche Ed-Hardy-Shirts kaufen? Ja gut, mir ist auch die Scheune lieber als das Shirt, aber diese Entscheidung steht mir doch wohl nur für mein Geld zu, nicht für das anderer Leute.

Und wenn man das nicht macht, wenn man einfach die für die Scheune bezahlen lässt, die für die Scheune bezahlen wollen, und die anderen nicht unter Gewaltandrohung zwingt, auch zu zahlen, dann ist das Darwinismus, und verwerflich, und ein Problem?

Nee. Find ich gar nicht.


Mehr als ein Unbehagen

2. Februar 2013

empfindet Florentine Fritzen auf faz.net angesichts der neuen Regelung zur PID, zu der ich kürzlich schon einmal sarkastisch Stellung nahm. Eigentlich ist mehr dazu auch nicht zu sagen, aber weil Frau Fritzens Unbehagen wiederum bei mir erhebliches Unwohlsein ausgelöst hat, und weil ihre Argumentation sich wegen Allgemeingebräuchlichkeit ganz gut als Aufhänger eignet, will ich die Chance nutzen, mich auch noch einmal so unsarkastisch und ernsthaft zu dem Thema zu äußern, wie ich es eben schaffe.

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was auszuhalten ist

17. Dezember 2012

Lange habe ich drauf gewartet, was zu diesem Telefonstreich zu schreiben, nicht zuletzt, weil ich diese dämliche Telefonstreicherei aus dem tiefsten Grund meines Herzens hasse, fast genauso wie Leute, die Einzelpersonen die Schuld für den Suizid anderer Menschen zuweisen, und mich deshalb für hervorragend geeignet hielt, mich dazu unvoreingenommen zu äußern. Was fehlte, war eine gute Vorlage, denn ich bin bekanntermaßen zu faul, eine eigene Meinung zu entwickeln, und ziehe es deshalb vor, die anderer Leute zu kritisieren. Da das besonders einfach ist, wenn es sich um eine völlig dämliche, unfundierte und extrem abwegige Meinung handelt, habe ich mich in der FAZ auf die Suche gemacht.

Natürlich bin ich fündig geworden.

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Die Philosophie zersetzt die Familie – ganz subtil

15. Dezember 2012

Die Philosophie verlangt Liebe zur Weisheit. Die Familie beruht auf Liebe zum Partner und zu den Kindern – und zieht den Kürzeren, sagt der Kapitalist Muriel Silberstreif.

Herr Silberstreif, für Sie ist die Philosophie eine familienfeindliche Fachrichtung – wieso?

Zwischen der Familie und der Philosophie besteht ein klassischer Konflikt: Im der Philosophie zählt das ständige Streben nach der Wahrheit, tieferer Einsicht und größerem Verständnis. Dies liegt nun einmal quer zur Familie, in der ein unglaublicher Aufwand für andere Menschen getrieben wird, und kaum noch Zeit für Forschung und Lesen bleibt vor lauter Windelnwechseln und gemeinsamen Ausflügen.

Große Philosophen haben das schon vor hundert Jahren beklagt, aber nie eine Lösung gefunden.

Ausgerechnet der große Philosophieverteidiger Klaus Meier kam zu der Erkenntnis, dass der intellektuelle Anspruch, den die Philosophie generiert, die Gesellschaft und damit die Familie zersetzt. Dieser Anspruch passt nicht zur der Aussicht, dass man zum Beispiel von seinen Kindern in der Säuglingszeit zwei Jahre lang unablässig nichts als unartikuliertes Geschrei und Gebrabbel hört. Die Erkenntnis dieses Konflikts ist tatsächlich keineswegs neu. Wer Familie hat, scheint darüber hinaus auch weniger Zeit zum Nachdenken zu haben…

…was einem Philosophen ja auch nicht gefallen kann.

Keinesfalls. Das ist die zweite, neuere Konfliktlinie. Ein Philosoph will denken, forschen, er braucht hohe geistige Flexibilität und und gedankliche Wandlungsfähigkeit in jeder Hinsicht. Der Philosoph fürchtet die geistige Festlegung wie der Fluss den Frost. Entscheidet man sich für Familie, legt man sich aber in hohem Maße fest – nicht nur mit seinen Gedanken.

Womöglich ist die Eingrenzung der Freiheit das größte Problem.

Früher, vor 30 oder 40 Jahren hatten wir die Vorstellung, dass es irgendwo in den oberen Schichten der Gesellschaft ein paar Philosophen gibt, der Rest der Bevölkerung aber einer festen Arbeit nachgeht, versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, und ansonsten in bestimmten Traditionen und familiären Zusammenhängen lebt. Der Grundkonflikt war nicht so offensichtlich.

Und heute?

Heute hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass wir irgendwie alle Denker sein sollten. Das verschärft den Konflikt enorm. Denn den Lebensstil des Philosophen haben sich inzwischen auch die Normalsterblichen zu eigen gemacht.

Manchmal stehe ich staunend vor den ausgebreiteten Gedanken anderer Menschen und versuche zu begreifen, wie jemand diesen Mist ernst meinen kann. Das gilt insbesondere für Philosophen, bei denen man doch einerseits meinen sollte, dass eine gewisse Stringenz im Denken und eine gewisse Bereitschaft, den Sinn der eigenen Überlegungen infrage zu stellen, zum Beruf gehören sollte. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass gerade Philosophen dazu neigen, sich in Gedankengebäude zu versteigen, deren Fundamente nicht mal mehr tönern genannt werden können, und deren Statik durch nicht mehr aufrecht erhalten wird als den unerschütterlichen Wunsch, die eigenen Vorurteile irgendwie in ein rationales Gerüst zu zwängen, und sei es noch so durchsichtig und wackelig. Manchmal. Aber es wäre natürlich unsinnig, aus einzelnen Erfahrungen auf eine so große und disparate Gruppe schließen zu wollen.


Welche Leistung noch mal? (3)

11. Dezember 2012

Na gut, denkt vielleicht die eine oder andere von euch, beim Thema Leistungsschutzrecht ist die deutsche Presse also ein bisschen daneben, aber das kann man ja verstehen, schließlich geht es um deren Existenz. Aber ansonsten ist die Berichterstattung doch eigentlich schon gut gemacht.

Hm. Na gut, ich weiß, das denkt bestimmt niemand von euch im Ernst, aber es schien mir gerade eben noch ein ganz brauchbarer Aufmacher zu sein.

Egal.

Heute habe ich auf faz.net diesen Bericht mit der ulkigen Überschrift “Frigide Durchgeknallts Familienwerte” gesehen und dachte mir, dass dieser Titel sogar für die FAZ reichlich eigenartig ist. Ich machte mich deshalb daran, zu ermitteln, worum es geht, und der Untertitel offenbar wie so oft schon die ganze Misere der Autorin:

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

Man muss nicht wie ich bereits ein ziemlich abgeschlossenes Urteil über die FAZ gefällt haben, um da die Voreingenommenheit herauszuhören, oder? Keine Sittenwächter alter Schule, sondern einfach nur Franzosen, die allen Kindern ihre Mama und ihren Papa sichern wollen. Ach so…

Aber wer weiß? Vielleicht hat Michaela Wiegel ja im Rest des Berichts noch ein bisschen Ausgewogenheit und Sachlichkeit gefunden. Das hier ist schließlich keine Glosse oder ein reiner Meinungstext.

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It is dishonest to assert as fact that which is not evidently true.

1. Dezember 2012

Gerade lese ich auf FAZ.net (gratis übrigens) den Kommentar von Berthold Kohler, in dem er uns erklärt, warum es in seinen Augen unfair ist, die für die Griechenland-Hilfen verantwortlichen Politiker zu beschimpfen:

Folgt man dem dominierenden Meinungsbild an den Stammtischen des Internets, dann sind die 473 Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die am Freitag für die neuesten Griechenland-Hilfen stimmten, im besten Fall Dummköpfe, Feiglinge, Opportunisten.

Aber in seinen Augen sind sie “weder Vollidioten noch Verbrecher“, und zwar aus diesem Grund:

Den unumstößlichen Beweis dafür, welcher Schrecken kleiner wäre, kann keine Seite erbringen. Die Materie ist viel zu komplex, als dass man sich auf Vorhersagen absolut verlassen könnte. Und wie sollte der politische Schaden beziffert werden, der beim Auseinanderbrechen der Eurozone oder gar der ganzen EU entstünde – eine Gefahr, die auch beim Festhalten am bisherigen Kurs besteht?

Aha. Das ist das argumentum ad ignorantiam. Wir wissen nicht, was wir tun, und deshalb ist nichts falsch, sondern alles richtig, solange es nur mit guten Absichten passiert. Oder so.

Ich stimme Herrn Kohler zu, dass es nicht nur nicht hilfreich, sondern auch unfair und unangemessen ist, unsere Abgeordneten pauschal als Vollidioten oder Verbrecher zu beschimpfen, denn jeder von ihnen versucht nur, das aus ihrer Sicht beste aus einem idiotischen System zu machen, aus dem sie genauso wenig entkommen können wie du oder ich. Aber Kohlers Argumentation ist trotzdem kaputt.

Ich zum Beispiel werfe unseren Politikern nicht vor, dass sie nicht wissen, wie die derzeitige Krise optimal zu lösen wäre. Ich werfe ihnen nicht vor, dass die Materie zu komplex ist, als dass sie sie endgradig prognostizieren könnten. Ich werfe ihnen nicht vor, dass sie keinen unumstößlichen Beweis dafür erbringen können, dass ihr Kurs der bessere ist. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn das ist nicht ihr Fehler, sondern es liegt in der Natur der Sache.

Vorwerfen sollten wir ihnen, dass sie es nicht nicht zugeben. Dass sie so tun, als wüssten sie genau, wo die Reise hingeht. Als könnten sie genau berechnen, wie hoch das Risiko ist, und uns deshalb versprechen, dass unsere Betroffenheit auf [Summe A] begrenzt und außerdem [Verschlimmerung B] völlig ausgeschlossen und schließlich [Maßnahme C] alternativlos und umumgänglich ist.

Und da begreife ich wirklich nicht, wie Herr Kohler sich das denkt. Es ist unmöglich, den politischen Schaden zu beziffern, schreibt er. Deswegen sollten wir den Politikern keinen Vorwurf machen, wenn sie den Schaden falsch beziffern, schließlich wissen wir es auch nicht besser?

Verdammt noch mal, nein. Wer ein Verbrecher ist, und wer ein Vollidiot, das Urteil will ich Leuten überlassen, die die fraglichen Personen besser kennen als ich, obwohl ich natürlich auch bei der einen und dem anderen meine Vermutungen habe. Aber wer öffentlich als Tatsache behauptet, wovon er nicht einmal entfernt einschätzen kann, ob es wahr ist, der ist zumindest ein Lügner.

Kann ja sein, dass Herr Kohler das auch so sieht und einfach stillschweigend davon ausgeht, denn schließlich reden wir ja über Politiker, aber das finde ich dann auch wieder traurig, und – auch wenn es schwer fällt, muss ich das jetzt hier einfach mal sagen – das wäre in meinen Augen derzeit wirklich mal ein Sympathiepunkt für die Piratenpartei: Sicher wirkt sie unprofessionell, ahnungslos und in ihren Inhalten für mich völlig inakzeptabel. Das gilt aber bei den anderen Parteien genauso, und bei den Piraten habe ich immerhin manchmal das Gefühl, dass sie im Großen und Ganzen aufrichtig sind. [Bestimmt findet ihr in den Kommentaren für mich ganz viele Gegenbeispiele. Aber ich lerne ja gern dazu.]

Und wenn ich schon mal dabei bin, einen Haken zu schlagen, bringe ich ihn auch zu Ende: Das stört mich auch an der Berichterstattung über die Piratenpartei immer wieder, so sehr ich sie inhaltlich auch ablehne. Es ist ja in der Regel genau diese Ehrlichkeit und Transparenz, die ihnen hauptsächlich zum Vorwurf gemacht wird. Die Kaiser sind alle nackt, aber nur über den einen, der es offen zugibt, ergießt sich Hohn und Spott ob seiner Unbekleidetheit, und den anderen Nackten wird zugute gehalten, dass ja schließlich niemand endgradig beweisen kann, dass sie nicht doch unsichtbare Kleider anhaben? [Ach, was solls, machen wir das Themenbingo komplett.] Soll das die Leistung sein, für die unsere Nachrichtenmedien ein besonderes Schutzrecht verdienen?

Ich weiß ja nicht.


Welche Leistung nochmal? (2)

7. Oktober 2012

Feigheit ist so ein Vorwurf, den ich eigentlich nie verstehe. Was ist Feigheit in der Regel anderes als Wertschätzung für das eigene Wohlergehen? Nicht unbedingt ein Charakterzug, mit dem ich ein Problem habe.

Was ich außerdem nicht verstehe, ist das System, nachdem deutsche Zeitungen die Leute auswählen, die bei ihnen prominent Kommentare schreiben dürfen. Wenn ich eine Zeitung hätte, würde ich da wahrscheinlich jemanden für haben wollen, dessen Wertesystem halbwegs gerade hängt und sich einigermaßen an dem orientiert, was ich für Vernunft und Anstand halte. Na gut, wenn man das Auftreten unserer Presseverlage in letzter Zeit beobachtet, kommt man womöglich auf die Idee, dass die das durchaus auch so machen.

Wie komme ich auf diese kryptischen Bemerkungen? Jemand hat Kurt Beck bei einem Interview mit der Bemerkung unterbrochen, Bayern bezahle den Nürburgring und den Betzenberg. Beck sagte darauf hin, er solle “Smaul halten”- Und für die FAZ kommentiert Timo Frasch diesen Vorfall. Das ist per se schon ein bisschen merkwürdig, weil ich da nicht viel zu kommentieren sehe. Zwei Menschen sind unhöflich miteinander umgegangen. Willkommen im Leben. Mehr fiele mir dazu wohl nicht ein. Was fällt Herrn Frasch ein?

Hatte der Mann recht? Womöglich. Hatte er das Recht dazu? Vielleicht.

“Vielleicht.” Naja gut, als Mitarbeiter einer international hoch angesehenen Zeitung muss man vielleicht nicht wissen, ob es verboten ist, andere Menschen bei Interviews zu unterbrechen, aber man sollte zumindest eine Möglichkeit finden können, es herauszukriegen, bevor man seinen Artikel veröffentlicht, oder?

Heute glauben ja auch Fußballfans, sie dürften die Spieler als Hurensöhne beleidigen.

Äh, hm, wie bitte was? Wo kam der denn her? Wen hat der Mann denn beleidigt? Ich sehe den Zusammenhang nicht, und Frasch anscheinend auch nicht, denn er erwähnt diesen Aspekt nicht mehr und springt zu seinem eigentlichen Anliegen, dem Kern dieses Vorfalls, der Frage, die uns allen unter den Nägeln brennt:

War es mutig, was der junge Mann getan hat? Eher nicht.

Hä? War es mutig? Aber … wieso das denn? Wer hat denn behauptet, es wäre mutig gewesen, und wofür soll das eine Rolle spielen? Ich meine, Herr Frasch hat Recht, es ist wohl eher nicht mutig, an einem Interview mit Kurt Beck vorbeizulaufen und was dazwischen zu rufen, aber… Würfelt er das aus? Hätte er genauso fragen können, ob es grün war, oder grammatisch korrekt?

Im Gegensatz zu seiner überraschenden Fußballfan-These breitet Frasch seine Behauptung, der Einwurf sei nicht mutig gewesen, sehr breit aus. Vier Sätze in seinem kurzen Kommentar wendet er auf, um uns zu erklären, warum er diese belanglose Aktion eines Menschen, den wir alle nicht kennen und der niemanden von uns interessiert, nicht für mutig hält, und das auch nur, um auf eine noch steilere These hinzuleiten. Es war nicht nur nicht mutig, was der junge Mann getan hat, es war ein Akt der Feigheit, jawoll!

Feige war die Aktion des Mannes aber vor allem deshalb, weil er eigentlich sicher sein durfte, dass sich ein Politiker vom Range Kurt Becks nicht leisten kann, was ein Kiez-König einst mit einem Passanten auf der Reeperbahn [...]

Und jetzt noch mal, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich begreife es nicht. Was versucht er, uns mitzuteilen?

Was geht in den Köpfen der beteiligten Personen vor, wie kam es zu dem Beschluss, diesen Kommentar zu veröffentlichen?

“Hey, Beck hat ‘Smaul’ gesagt, da müssen wir unbedingt was drüber schreiben!”

“Also, ich find das ja total feige, was zu jemandem zu sagen, bei dem ich ziemlich sicher bin, dass er mir dafür nicht die Nase abbeißen wird.”

“Au ja! Schreib das mal!”

“Ähm… Warum denn?”

“Beck hat ‘Smaul’ gesagt!”

“Ach ja.”

Qualitätsjournalismus. Leistungsschutzrecht. Vierte Gewalt. Unverzichtbar für eine lebendige Demokratie. Ich reklamiere das alles nicht für mich, und ich schreibe nur zum Spaß und nehme kein Geld dafür, und deshalb fühle ich mich auch nicht schlecht dabei, in meinem Blog irgendwelchen wirren, zusammenhanglosen, bewusstseinsstromhaften Blödsinn zu veröffentlichen, der keinem hehreren Ziel dient, als die Welt an meiner persönlichen Wahrnehmung ihrer selbst teilhaben zu lassen.

Welche Entschuldigung hat die FAZ?


Doch.

19. August 2012

Für alle, die gewettet haben: Nicht ganz 24 Stunden hat es gedauert, bis der erste Beitrag erschienen ist, nachdem ich angekündigt hatte, dass ich mich ruhiger verhalten würde. Ich gratuliere unbekannter Weise dem glücklichen Gewinner.

Es geht mal wieder um die FAZ, und der Artikel, der mir keine Ruhe ließ, heißt natürlich

Nicht alles sollte für Geld zu haben sein

Dazu können neoliberale Arschlöcher wie ich nicht schweigen, habe ich mir gedacht, und mich nun doch trotz besagter Ankündigung ein bisschen mit den Argumenten des Verfassers auseinandergesetzt. Und zwar so:

 Einige Dinge aber sollten besser nicht handelbar sein. Sie verlieren sonst ihre Würde.

Dinge haben keine Würde, und überhaupt kann es in meinen Augen mit einer Würde nicht weit her sein, die verloren geht, wenn es nicht verboten ist, ihren Träger freiwillig im Tausch gegen etwas anderes herzugeben. Das war einfach. Nächstes Argument.

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Verdammte Axt

15. August 2012

Wo kommt eigentlich diese merkwürdige Idee her, dass wir heterosexuellen Zwei-Personen-Ehen mit Kindern irgendwas wegnehmen, indem wir auch anders orientierten Menschen gestatten, sich auf eine Art miteinander zusammenzutun, die die gleichen Rechtsfolgen auslöst, die wir gemeinhin mit dem Begriff “Ehe” umschreiben? Und warum erklärt nie jemand diese Idee, der öffentlich drüber schimpft?

Der Aufschrei kommt diesmal aus Daniel Deckers zerrissener Seele und beginnt mit den Worten

Was? Nein, völliger Quatsch. Anders:

Es gibt nicht viele Normen des Grundgesetzes, deren Wortlaut alle Veränderungen seit 1949 überdauert hat. Eine davon ist Artikel sechs Absatz eins: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“

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Die doppelte Strafe ist angemessen

27. Juli 2012

Es gibt so Menschen, die so weit von mir und meiner eigenen Gedankenwelt entfernt sind, dass sie wohl genausogut zu einer völlig anderen Art von Lebewesen gehören könnten. Vor denen stehe ich staunend, nicht selten mit buchstäblich offenem Mund, und bewundere diese grundlegende Unterschiedlichkeit, und frage mich, ob ich sie dafür irgendwie charakterlich beurteilen sollte, oder sie einfach nur für Bewohner einer Paralleldimension halten, die mir nicht zugänglich ist.

Robert Spaemann ist offenbar einer dieser Menschen.

Irgendetwas stimmt nicht

schreibt er in der FAZ, und so weit hat er natürlich noch völlig Recht. Doch gleich danach zeichnet sich ab, dass das Weltbild dieses Menschen jedem Zugang meinerseits enthoben ist:

Das deutsche Recht und mehr noch die deutsche Rechtsprechung muten es dem religiösen Bürger zu, dass das, was ihm das Heiligste ist, ungestraft öffentlich verhöhnt, lächerlich gemacht und mit Schmutzkübeln übergossen werden darf.

Nun ja. Ich sag mal so: Nicht nur denen, sondern uns allen. Ich finde das immer eigenartig, dass Menschen es im Ernst unerträglich finden können, wenn jemand einen geschmacklosen Cartoon mit Jesus drin zeichnet, aber beim besten Willen kein Problem darin erkennen können, dass zum Beispiel die größte Religionsgemeinschaft der Welt ganz offiziell, für jeden nachlesbar und mit heiligem Ernst verkündet, jeder einzelne Mensch hätte es verdient, für alle Ewigkeit maßloses Leid zu erfahren. Für alle Ewigkeit. Maßloses Leid. Wir alle. Jeder. Aber das ist in Ordnung, weil es nicht lustig gemeint ist.

Wenn hingegen jemand die Idee verspottet, dass ein allmächtiger, allwissender, und uns alle liebender Gott eine Welt geschaffen hat, dessen jeder einzelner Bewohner diese schlimmst aller denkbaren Strafen verdient hat und auch erhalten wird, und deshalb dann viele Milliarden Jahre nach diesem Schöpfungsakt auf die Idee kommt, dass das vielleicht nicht gut so ist, woraufhin ihm als beste Möglichkeit spontan einfällt, eine Menschenfrau gegen ihren Willen zu schwängern und alles so zu fügen, dass rund 30 bis 40 Jahre später ihr gemeinsamer Sohn hingerichtet wird, damit zumindest die Personen, die ohne vernünftigen Grund diese hanebüchene Geschichte glauben, statt der ewigen Qual ewige Freude erfahren dürfen, wenn jemand diese Idee lächerlich macht, dann ist das nicht hinnehmbar, und dass er das darf, ein Zeichen dafür, dass “irgendetwas” nicht stimmt.

Herr Spaemann erkennt sogar an, dass die Straffreiheit so sicher gar nicht mal ist:

Dann und wann einmal findet ein Richter, es sei irgendwo zu weit gegangen worden, und verhängt eine Bewährungsstrafe.

Aber die Richter sind ihm natürlich zu milde, denn wie gesagt: Menschen für so abscheulich zu erklären, dass sie der schlimmsten überhaupt möglichen Strafe anheimfallen müssen, einfach nur dafür, dass sie existieren, das ist okay. Aber sich über ein altes Buch lustig zu machen, das verdient Strafe.

In der Regel geschieht das nicht. Vor allem nicht mehr, seit nur noch diejenige Beleidigung strafbar ist, die den „öffentlichen Frieden gefährdet“.

Uuuuuund jetzt bitte noch nicht weiterlesen, sondern einen Moment innehalten: Ahnt ihr, was jetzt kommt? Ich habe es kommen sehen. Was meint ihr? Wollt ihr mal raten?

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