Sympathy for the Devil

20. März 2012

[Voraussichtlich ist dies der letzte urlaubsbedingt kurze und inhaltsarme Beitrag. Spätestens Freitag dürft ihr dann mit der neuen Episode von "Bright Outlook" rechnen. Nehmt keine Drogen. This has been a public service announcement from überschaubare Relevanz.]

Ich lese gerade einen Kurzgeschichtensammlung namens “Monster’s Corner“, vor allem deshalb, weil eine Geschichte von Jeff Strand mit drin ist, aber die Idee hätte mich sicherlich auch so angesprochen: Die Geschichten darin sind alle aus der Perspektive des Monsters. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um eine Bemerkung des Herausgebers im Vorwort, die mich unangenehm aufgefallen ist. Er schreibt dort darüber, dass er das Monster (insbesondere Frankensteins) schon immer sympathisch fand, la-di-dah, und dann kommt aber dies:

“Now, let’s talk about reality for a moment. [...] There are real killers who go on rampages that leave people dead and others wounded and destroy the lives and hopes of so many. These are the real monsters [...] My understanding of and any sympathy for monsters does not extend to these real-life horrors. [...] you can have sympathy for how the monster became the monster without having sympathy for the monster itself. You can sympathize with the child whose experiences forged him into a soulless killer, but once he becomes a monster, sympathy ends.

Got that? Good.”

Und das stört mich. So richtig. Es würde mich schon stören, wenn er das nur als eine Beschreibung seines eigenen Empfindens verfasst hätte, aber für mich klingt da sehr deutlich auch der moralische Imperativ mit, den er uns vermitteln will. Und wenn ihr mich fragt, dann besagt der moralische Imperativ genau das Gegenteil, falls es bei solchen Themen wie “Sympathie” und “Mitgefühl” überhaupt einen solchen geben kann.

Ich will euch erklären, warum (Bestimmt hättet ihr damit jetzt nie gerechnet.): Die Bezeichnung “Monster” erkennt ihrem Objekt seine Menschlichkeit ab, seine Rechte, und eben seinen ganzen moralischen Status als einer von uns. Sie impliziert, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der nicht nur anders ist als wir, sondern schlechter, nicht nur wertlos, sondern ein echter Schädling. Und konsequenterweise fordert Christopher Golden (So heißt er.) dann auch, dass wir kein Mitgefühl mit und kein Verständnis für solche Monster haben sollen.

Das halte ich in zweierlei Hinsicht für falsch, und ich will euch erklären, wa… Moment, irgendwas ist hier schiefgelaufen. Pardon. Trotzdem erkläre ich jetzt, warum:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und zu guter Letzt: Diese Implikation, es wäre falsch, mit Monstern Mitgefühl zu haben, wäre natürlich sogar dann falsch, wenn der Rest sachlich stimmen würde. Was spricht dagegen, für einen seelenlosen Mörder zu fühlen, der in Gefangenschaft leidet und sich vor der Todesstrafe fürchtet, die ihm bevorsteht? Wir müssen ihn nicht freilassen, weil wir ihn bedauern. Wir müssen ihn nicht unangemessen großzügig behandeln, nur weil wir Mitgefühl mit ihm haben. Sogar wenn es nichts Gutes bewirkt, dann ist zumindest nichts Falsches daran, auch mit Leuten wie Hitler und Stalin und Dahmer und Wournos und Mao und Bales Mitgefühl zu haben. Dale Carnegie hat ganz richtig geschrieben, dass der einzige Grund, warum du keine Klapperschlange bist, darin besteht, dass deine Eltern keine waren. Ich denke, es schadet nicht, Menschen zu bedauern, die nicht das Glück hatten, zu so produktiven, aufrechten und angenehmen  und unverschämt gutaussehenden Mitglieder der Gesellschaft zu werden, wie wir es sind, und uns hin und wieder daran zu erinnern, dass es auch anders hätte kommen können.

Und überhaupt: Wenn ich mir die Welt so ansehe, dann scheint mir offensichtlich, dass es ihr nicht an einem Übermaß an Mitgefühl und zu viel Verständnis gebricht.


in welchem ich demonstriere, dass meine Rants nicht immer lang und mäandernd sein müssen

23. Februar 2012

“Der Deutsche Ethikrat schlägt mit überwiegender Mehrheit vor, Menschen mit dem Geschlechtseintrag „anderes“ die eingetragene Lebenspartnerschaft zu ermöglichen. Ein Teil des Ethikrates schlägt vor, ihnen darüber hinaus auch die Möglichkeit der Eheschließung zu eröffnen.” 

Ich schäme mich so sehr, in einer Gesellschaft zu leben, in der ein “Ethikrat” eine solche Stellungnahme abgibt, dass es schon körperliches Unwohlsein verursacht. Wir gehören alle geohrfeigt dafür, dass dieses Thema überhaupt diskutiert werden muss, und dahin getreten, wo es am meisten weh tut.

Allein schon diese erbärmliche Unterscheidung zwischen “Ehe” und “eingetragener Lebenspartnerschaft” sagt doch alles über uns aus, was eine außerirdische Zivilisation wissen müsste, bevor sie entscheidet, ob sie die Oberfläche dieses Planeten verglasen will.


Weil einfach einfach einfach ist.

13. Juni 2011

Gerade hat mir einer meiner Facebook-Freunde die Ethikbank empfohlen. Also, nicht nur mir, sondern allen. Ihr wisst ja, wie das geht. Und weil ich mir gleich dachte, hm, Ethikbank, das klingt ja, als wäre das eine total ethische Bank, das muss ja gut sein, habe ich mir die Sache mal näher angesehen.

Auch der Slogan ist einfach Klasse: “Faire Bank statt Bank affaire”. Wahnsinn, oder? Ist euch aufgefallen, was sie da gemacht haben? Faire, affaire? Verstehen Sie?

Auf der Homepage fällt zunächst ins Auge, dass es der Ethikbank offenbar um faires Geld geht. Das finde ich sehr erfreulich, denn das unfaire Geld meiner örtlichen Sparkasse hat sich in den letzten Monaten immer wieder als ein Hindernis bei der Abwicklung meines Alltags erwiesen. Die Ethikbank lohnte also offensichtlich eine nähere Untersuchung.

Im nächsten Schritt bemerkte ich etwas weiter unten links ein Banner zur “Steuer gegen Armut” , und da begann meine Begeisterung schon spürbar nachzulassen. In mir regte sich der Verdacht, dass die Ethikbank in Bezug auf richtig und falsch etwa ähnlich steindumme, unreflektierte, moralinsaure Maßstäbe anwenden wie sie mich auch bei den Grünen so abstoßen. Kann doch gar nicht nicht sein, dachte ich mir, schließlich heißen die doch Ethikbank!

Also war ich mal einen Blick in die Langversion der Anlagekriterien - “für Gründliche” stand da drüber, und das passte ja gut, hier wird schließlich ernsthafter, glasharter Journalismus betrieben bei überschaubare Relevanz. Nur. Immer. -, und irgendwie verfestigte sich dabei mein Eindruck, dass die Ethikbank ihre Vorstellungen von Ethik direkt aus dem Hinterteil von Claudia Roth bezieht.

Sicher, es ist nicht alles schlecht – wer kann das schon? -, aber im Großen und Ganzen herrscht da ein Grad von Borniertheit, der zwar für das Geschäft in Anbetracht der Zielgruppe vorteilhaft sein mag, den ich aber aus meiner Sicht nur als manifest unethisch bezeichnen kann.

Dies sind die Ausschlusskriterien der Ethikbank bei der Kreditvergabe an Unternehmen:

1. Herstellung oder Vertrieb von Militärwaffen
2. Besitz oder Betrieb von Atomkraftwerken
3. Gentechnische Veränderung von Pflanzen oder Saatgut
4. Herstellung oder Vertrieb von ozonzerstörenden Chemikalien
5. Beschäftigung von Kindern
6. Tierversuche bei Kosmetika
7. Eklatante Bestechungs- und Korruptionsfälle
8. Eklatante Verstöße im Umgang mit Menschenrechten

Was hier meiner Meinung nach nicht stimmt, ist die Einfachheit. Die Ethikbank versucht uns eine ganz einfache Lösung zu verkaufen. Sie versucht uns, einzureden, dass ethisches Verhalten eine ganz einfache Sache ist. Man muss sich nur an ein paar einfache Regeln halten, und schon handelt man einfach ethisch. Man stellt keine Waffen her, man beschäftigt keine Kinder, man besticht niemanden, Klappe zu, Affe frei und für immer geschützt vor Tierversuchen. Man führt eine Steuer ein, die “Steuer gegen Armut” heißt, und, zack, hat man einfach was Gutes gegen Armut getan.

Ich finde leider gerade die Stelle nicht, aber ich glaube, ich habe hier im Blog schon mal irgendwo geschrieben, was mit solchen einfachen Antworten nicht stimmt: Sie sind meistens falsch. Die Welt ist nicht einfach. Sie ist kompliziert. Und deswegen ist es auch ein komplizierter Prozess, zu entscheiden, was gut ist, und was nicht, was falsch und was richtig.

Lasst mich an konkreten Beispielen erläutern, was ich meine:

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Subjekt, Prädikat, Objekt

27. Mai 2011

Ich führe drüben bei jesus.de mal wieder eine Diskussion über das Thema Ethik und so weiter. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um hier kurz ein Kommunikationsproblem anzusprechen, das eigentlich schnell erklärt ist, aber trotzdem ohne Ende Probleme bei Diskussionen zwischen Theisten und Atheisten schafft.

Wie so oft ist es eine Definitionsfrage.

Das Wort “objektiv” bedeutet für mich “unabhängig von jeglichem Bewusstsein”.

Daraus folgt, dass Begriffe wie “objektive Moral” oder “objektiver Sinn” Oxymora sind. Moral oder Ethik bezeichnet einen Satz von Verhaltensregeln, und ein Sinn ist mehr oder weniger synonym mit einer Absicht oder einer Zielvorstellung. Sowohl eine Verhaltensregel als auch eine Absicht sind ohne ein Bewusstsein nicht denkbar.

(Naturgesetze sind natürlich was anderes. Wer Probleme mit der Unterscheidung hat: Naturgesetze erkennt man ziemlich zuverlässig daran, dass man sie nicht brechen kann.)

Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob ich an einen Gott glaube oder nicht. Sogar wenn es einen allmächtigen, allwissenden Gott gäbe, wäre dessen Perspektive immer noch seine eigene, und damit subjektiv. Im besten Fall weiß der dann besser als ich, was gut ist und was nicht, aber dann stellt sich trotzdem noch die Frage, warum und wann ich ihm glauben sollte. Es ist wie immer: Vertrauen in eine Autorität kann eine sinnvolle Sache sein, aber es entbindet mich nicht von der Verantwortung für meine eigenen Entscheidungen.

Na gut. Die Diskussion über religiöse und atheistische Moral hatten wir hier ja schon. Wieder und wieder. Das möchte ich nicht alles wiederholen. Aber ich dachte, dieser Punkt ist es wert, noch einmal festgehalten zu werden:

Den Begriff “objektiv” so umzudefinieren, dass er nicht mehr seine gebräuchliche Bedeutung hat, sondern stattdessen heißt “unabhängig von jeglichem Bewusstsein außer einem, das ich mir aussuchen kann”, ist keine Lösung, sondern nur ein sinnloses Spiel mit Worten. (Übrigens genauso wie das Argument: Es muss ja einen Gott geben, denn nichts kann ohne Schöpfer existieren, bis auf diese eine Sache, die ich mir aussuchen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.)


Leser fragen, überschaubare Relevanz antwortet

4. April 2011

Drüben bei Formspring fragt mich Anonym:

Nach deinem Post über die WBC: Christliche Fundamentalisten haben die Tage einen Koran verbrannt, in der Folge kam es in Afghanistan zu Protesten und Toten. Wer ist moralisch Schuld? Verbrennung durch Meinungsfreiheit gedeckt?

Die Frage(n) halte ich für anspruchsvoll genug, um einen Blogpost draus zu machen. Ta da:

Die zweite Frage ist schnell beantwortet: Selbstverständlich ja. Jeder darf jedes Buch, das ihm gehört, zerstören, wie immer er es für richtig befindet. Er darf es verbrennen, shreddern, zerreißen, essen oder in jede andere Körperöffnung seiner Wahl schieben, wenn er auf sowas steht. Der Staat hat so etwas nicht zu untersagen.

Die erste Frage ist… Naja, einerseits schnell beantwortet, andererseits aber auch nicht. Direkt die Schuld am Tod von Menschen tragen natürlich diejenigen, die sie getötet haben, nicht der, über den die, die sie getötet haben, sich fürchterlich aufregen zu müssen meinten.

Aber diese Antwort ist eigentlich zu kurz, denn natürlich tragen wir alle Verantwortung für die Folgen unseres Handelns, und zwar umso mehr, je klarer diese abzusehen sind.

Beispiel 1: Wenn ich ein altes Yps-Heft auf meinem Speicher finde und das dann verbrenne, ohne mir was dabei zu denken, bin ich wohl kaum dafür verantwortlich zu machen, wenn daraufhin ein geistesgestörter Yps-Fan irgendwo Amok läuft.

Beispiel 2: Wenn hingegen jemand neben meinem Kamin steht, meinem Sohn eine Waffe an die Schläfe hält und mir droht, ihn zu erschießen, falls ich das Yps-Heft da rein werfe, dann trage ich ein erhebliches Maß an Verantwortung für den Tod meines Sohnes, falls ich es trotzdem einfach tue.

Ich denke, wir sind uns einig, dass der hier besprochene Fall von Koranverbrennung mit keinem dieser Beispiele ganz übereinstimmt, aber dem zweiten erheblich näher steht als dem ersten, denn Terry Jones hat nicht völlig gedankenlos Bücher verbrennt, sondern er wollte damit provozieren, und er wusste, dass die Provozierten zu Gewalttaten neigen. Man muss unterstellen, dass er billigend in Kauf genommen hat, dass aufgrund seiner Provokation Menschen sterben. Auch er trägt Verantwortung für den Tod dieser Menschen.

Das heißt nicht zwangsläufig schon, dass sein Handeln verwerflich ist. Das heißt nur, dass er hätte abwägen müssen. (Die Parallele zum Draw Mohammed Day drängt sich geradezu auf.) Denn dem Risiko gewalttätiger Proteste steht der Einsatz für die Meinungsfreiheit gegenüber, und die Botschaft, dass Terroristen und Extremisten nicht die Spielregeln machen. Es mag dem einen oder der anderen von euch verwerflich erscheinen, solch eine Botschaft mit Menschenleben abzuwägen, aber ich halte es für erforderlich. Der Klügere kann nicht immer nachgeben, solange der Dumme nur wahnsinnig genug ist. (Nicht, dass ich Terry Jones für besonders klug hielte; ich spreche von der grundsätzlichen Frage.)

Wenn sich morgen eine Gruppe von Bekloppten zusammenschließt und entscheidet, dass sie es als unerträgliche Blasphemie empfindet, Nudeln zu essen, höre ich deshalb dann damit auf? Wenn eine Religionsgemeinschaft nur heftig genug gegen Homosexualität ist, wird sie dann irgendwann wirklich unmoralisch?

In extremen Fällen ist die Antwort auf diese beiden Fragen gar nicht so einfach, wie sie auf Anhieb vielleicht scheint. Und um wieder zum konkreten Fall zurückzukehren: Terry Jones hat meines Wissens nicht viel mit Meinungsfreiheit am Hut. Ihr könnt mich korrigieren, wenn ich mich irre, aber so, wie ich das verstehe, wollte er mit seiner Aktion vor allem seinem dumpfen Hass gegenüber dem Islam Ausdruck verleihen, und seine Überzeugung demonstrieren, dass sein unsichtbarer Freund deren unsichtbaren Freund total verprügeln könnte. Seine Aktion ist für niemanden von Vorteil. Dass er dafür Öl in ein stets schwelendes Feuer gießt und unnötig einen Konflikt anheizt, der auch so schon kompliziert genug ist, halte ich für verwerflich, auch wenn ich natürlich schon noch einen erheblich Unterschied sehe zwischen dem provokanten Verbrennen von Büchern und dem Töten von Menschen.

Ist aber wirklich keine einfache Frage, und ich wüsste zu gerne, was ihr darüber denkt.

Was denkt ihr?


Kann das wirklich Zufall sein?

29. März 2011

Während meiner Schulzeit gab es einen Lehrer, den ich wirklich bewunderte. Er war in der Oberstufe mein Tutor, und er unterrichtete Mathematik und Werte und Normen. Er war klug, er hatte Humor, er war immer freundlich, und in unserer Abiturzeitung schrieb er über mich, dass ich eigentlich gar nicht so arrogant sei, wie ich oft wirkte. Ich glaube, er ist inzwischen im Ruhestand, und ich fürchte, dass ich meinen Vorsatz, ihm mal einen Brief zu schreiben, vielleicht nie umsetzen werde, aber zumindest einmal möchte ich es schriftlich festhalten: Sie waren der beste und sympathischste Lehrer, den ich je hatte, und irgendwie sogar ein Vorbild. Vielen Dank, Herr Glimm.

So empfand ich es auch kein bisschen als Strafe, als er mich nach einer längeren Diskussion im Werte-und-Normen-Unterricht aufforderte, meine sonderbare Meinung, dass es das Böse als solches nicht gibt, in einem kurzen Aufsatz zu begründen.

Ich tat das sehr gerne, und er las es, und meinte, es sei sehr interessant, aber überzeugt habe es ihn nicht.

Das war natürlich ein bisschen enttäuschend, aber so geht’s eben, und ich habe es ihm nicht übel genommen. Wäre ja auch noch schöner.

Leider habe ich diesen Aufsatz von damals nicht mehr, aber zu Ehren von Herrn Glimm (und meines Versprechens, mal wieder vom Thema Religion wegzukommen) hatte ich mir gestern vorgenommen, meinen Gedankengang heute für euch noch einmal darzulegen. Und nun, siehe da, als hätten wir uns abgesprochen, veröffentlichte die “Welt” gestern einen langen, dummen Artikel zu dem Thema. Schicksal? Vorsehung? Telepathie? Wer weiß…

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Hattrick

15. März 2011

Menschenwürde ist sicher irgendwie sehr wichtig, aber manchmal denke ich doch, dass sie als rechtliches Konzept völlig nutzlos ist. Deswegen ist nach meiner Erfahrung immer große Skepsis angebracht, wenn jemand sie als Begründung für irgendeine steile These heranzieht, ob es sich dabei nun um Bundesverfassungsrichter handelt, oder um Leute, die gerne Aufkleber an ihren Stoßstangen anbringen.

Heute geht es aber um einen (ehemaligen) Verfassungsrichter, der auf dem großen Menschenwürdelagerfeuer ein PID-Verbotssüppchen zu kochen versucht (Fragt mich nicht, wo diese bescheuerte Metapher herkommt, sie musste irgendwie einfach raus.) Er baut seine Argumentation in drei Stufen auf, von denen dankenswerterweise jede einzelne vollständig versagt, wenn man sie mal genauer betrachtet. (Am Anfang befürchtete ich noch, dass er einfach nur von einer einzigen falschen Grundannahme startet und von da an konsequent sein falsches Gebäude errichtet. Das hätte für einen Blogpost natürlich wenig Material hergegeben.)

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Unmoralische Daten

3. März 2011

Ich habe da gestern diese Rezension einer Voyager-Episode gesehen, und ich wüsste gerne, was ihr darüber denkt:

Für alle, die keine Lust haben, sich das anzusehen, hier eine stark eingedampfte und teilweise nicht ganz detailgetreue Zusammenfassung: Die Chefingenieurin Torres erkrankt, und der Schiffsarzt lässt für die Behandlung ein Hologramm eines bekannten cardassianischen Wissenschaftlers erstellen. Im Laufe der Diagnose stellt sich heraus, dass besagter Wissenschaftler seine Kenntnisse durch mengelehafte Menschenversuche erworben hat. (Eigentlich Baioranerversuche, wenn ich das richtig verstehe, aber diese Differenzierung schenken wir uns, auch weil der Unterschied ausschließlich in der geriffelten Nase besteht.) Daraufhin will die Patientin nicht mehr behandelt werden (eigentlich vorher auch schon nicht, weil sie Cardassianer hasst), aber Captain Janeway entscheidet, dass sie für die restliche Crew so wichtig ist, dass die Therapie trotzdem durchgeführt wird.

Um das ethische Hauptdilemma möglichst klar herauszuarbeiten möchte ich gerne die Frage der Patientenautonomie ignorieren, so wie auch die Tatsache, dass Torres völlig ungeeignet für ihre Position ist und Janeways Begründung deshalb keinen Sinn ergibt. Auch Torres’ debilen Rassismus lassen wir außen vor.

Wir sprechen also nur noch über ein Problem: Jemand hat Erkenntnisse aus unethischen Experimenten gewonnen, bei denen viele Menschen (gegen ihren Willen) gestorben sind. Ist es jetzt ethisch vertretbar, diese Erkenntnisse zu verwenden?

Die Voyager-Autoren scheinen das für ein kniffliges Dilemma zu halten, und sogar sfdebris sieht es so. Er spricht in seiner Review gegen Ende ganz bezeichnend von “unmoralischen Daten” und lobt die Autoren dafür, endlich mal eine schwierige moralische Frage aufgeworfen zu haben.

Ich hingegen sehe das Dilemma nicht. Die Baioraner sind tot, die Daten sind da. Die Verwendung der Daten schadet niemandem mehr, und ich kann deshalb beim besten Willen nicht erkennen, warum es problematisch sein soll, sie zu benutzen, um Menschenleben zu retten. Ich finde es im Gegenteil manifest unethisch, sie nicht zu verwenden. Daten sind Daten, sie sind korrekt oder falsch, aber sie können nicht “unmoralisch” sein.

Ich müsste darüber nicht mal nachdenken. Und ihr?


Wenn viele kleine Menschen viele kleine Schritte tun

3. Oktober 2010

dann können sie viele kleine Blumenbeete zertrampeln. Sie können aber auch näher aufeinander zu gehen.

Äh, ja. Was ich damit sagen will: Ich glaube, die Moraldebatte zwischen Christen und Atheisten macht tatsächlich Fortschritte. Sehr kleine, sehr langsame, aber ich habe ernsthaft das Gefühl, dass wir allmählich zueinander durchdringen.

[...] Rein subjektive Ethiken sind immer begründbar, einfach „mir reicht das als Argument“ und fertig! [...] Fall Sie der Meinung sind, daß eine rein säkulare Ethik gar nicht allgemeinverbindlich werden darf, eben weil sie auf subjektiven Prämissen de Einzelnen beruht, dann habe ich Sie bis hierhin komplett mißverstanden und würde Ihnen da zustimmen. [...] (Ralf)

[...] Ich habe auch nicht geschrieben, dass ich Mord gutheiße; aber was ist denn so schwer zu verstehen daran, dass man Morde nicht mit dem moralischen Zeigefinger verhindert. [...] (Alex)

Wenn ich das richtig verstehe, haben wir eine Einigung darüber erreicht, dass eine atheistische oder (eigentlich viel besser) eine säkulare Ethik sich schlüssig begründen lässt und dass Moral auch ohne Gott existiert. Dass man Gott als Quelle der Moral braucht, ist also vom Tisch.

Aus meiner Sicht bleiben im Wesentlichen zwei Einwände übrig:

  1. Mit weltlichen Mitteln lässt sich nicht absolut sicherstellen, dass jeder Verstoß gerecht bestraft wird.
  2. Mit weltlichen Mitteln lässt sich kein Satz von moralischen Regeln finden, dem jeder Mensch vorbehaltlos zustimmt. Weltliche Moral ist subjektiv, abhängig von Menschen, und damit fehleranfällig.

Beides ist richtig. Beides ist vielleicht in gewisser Weise berechtigte Kritik an weltlicher Moral, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, inwiefern Moral besser ist, wenn sie unabhängig von menschlichen Konventionen gilt. Wenn ich das letzte empfindsame Lebewesen der Welt auf einer einsamen Insel bin, umgeben von nichts als Sand und Kokospalmen, gibt es dann noch eine Moral? Kann ich dann noch etwas Verwerfliches, Unmoralisches tun? Religion müsste antworten: Ja, natürlich, denn Moral ist objektiv immer vorhanden. Ich würde sagen: Nein, denn wem könnte ich schaden?

Wie man es auch nimmt, daraus folgt jedenfalls nicht, dass religiöse Moral besser ist. Um das behaupten zu können, genügt es nicht, Probleme mit weltlicher Moral zu finden. Man muss demonstrieren, dass die Alternative besser funktioniert. Ich würde behaupten, dass ein Blick in jede beliebige Zeitung eher das Gegenteil nahelegt, aber das mag meine persönliche Voreingenommenheit sein. Jeder Anhänger nichtweltlicher Moral ist herzlich eingeladen, mir überzeugend zu demonstrieren, dass er eine Alternative hat, die nicht nur so tut, als wäre sie perfekt, sondern die auch wirklich praktisch belegbar besser funktioniert.

So, genug Harmonie, jetzt wird wieder gestritten:

[...] wenn sich genug Menschen durch den Gebrauch ihres Verstandes darauf einigen, dass es gut, dass es das Richtige sei, eine bestimmte Rasse, eine gewisse Klasse von Menschen einfach umzubringen, dann wäre das moralisch. Ich denke, ein flüchtiger Blick ins Geschichtsbuch wird dich davon überzeugen, dass Menschen derartiges sogar ständig tun. [...] (Alex)

[...] war eigentlich die Ethik/Moral der präkolonialen Mayas, Kinderopfer darzubringen, falsch?
Ist die Hexenjagd in den Naturreligionen Westafrikas falsch (trifft besonders Albinos)?
War die Einstellung Pol Pots, alle Intellektuelle umbringen zu wollen (schon ein Brillenträger gehörte dazu) falsch? [...]
(Ralf)

Zuallererst, das muss einfach sein: </Contenance>Großer Bob, wie kann man so etwas sagen, ohne dabei sofort daran zu denken, dass das kein Argument gegen weltliche Moral sein kann, weil religiöse Moral zu den gleichen Abscheulichkeiten geführt hat? Herrje, die Beispiele mit den Mayas und Westafrika sind doch sogar Beispiele für das Versagen religiöser Moral, und in eurer eigenen Bibel nimmt euer eigener Gott Menschenopfer an! Worauf wollt ihr denn damit bloß hinaus?<Contenance>

So, jetzt wieder sachlicher: Eure Beispiele sind eine hervorragende Überleitung zu dem Grund, aus dem Atheisten wie ich so verärgert auf Religion reagieren. Die Geschichte ist in der Tat voll von solchen Beispielen wie euren da oben. Und wisst ihr, was die alle gemeinsam haben? Dass wir uns irgendein schwachsinniges Dogma haben aufschwatzen lassen und dann aufgehört haben, Fragen zu stellen! Nicht der Mangel an absoluter Moral hat in euren Beispielen ins Elend geführt, sondern die Gewissheit, sie für sich gepachtet zu haben.

Aus ebendiesem Grund machen mich Religionen wütend, weil genau das zu ihrem inneren Wesen gehört: Dogmen, die nicht infrage gestellt werden dürfen, absolute unwiderlegbare Behauptungen, Wertschätzung für unkritischen Glauben, Stolz auf die eigene Gewissheit, absolutes Vertrauen in Autoritäten, Verachtung oder Mitleid für Zweifler und Skeptiker.

Gerade weil in der Vergangenheit eine gestörte Wahrnehmung von Realität wieder und wieder zur Rechtfertigung von Gräueltaten gedient hat, sind wir in meinen Augen verpflichtet, uns an der Wirklichkeit zu orientieren, so gut wir eben können. Dazu gehört, dass wir nur das glauben, wofür es überzeugende Belege gibt, und dass wir stets bereit sind, unsere vorläufigen Erkenntnisse infrage zu stellen und zu überprüfen. Diese Methode kann man Skeptizismus nennen, oder Wissenschaft.

Sie gewährleistet keine absoluten Wahrheiten, keine Gewissheit, und keine Perfektion. Sie ist fehleranfällig, und sie führt uns manchmal in die Irre. Aber sie hat mindestens einen unschätzbaren Vorteil gegenüber den anderen: Sie tut nicht so, als wäre es anders.


Moral und Ethik können Sie einfach vergessen als Atheist

1. Oktober 2010

Einerseits bin ich natürlich ein bisschen stolz, dass einer meiner Artikel die dreistellige Kommentarmauer durchbrochen hat, andererseits wird es aber schon ein bisschen unübersichtlich. Deswegen möchte ich die Debatte über religiöse und weltliche Moral gerne hierher auslagern. Woher meine Ethik kommt, habe ich ja schon erklärt, und ich würde sogar behaupten, dass das im Prinzip für jeden von uns gilt, obwohl ich mir da nicht ganz sicher bin. Trotzdem laufen noch Menschen rum, die Behauptungen von sich geben wie diese hier:

Moral und Ethik können Sie einfach vergessen als Atheist. (LePenseur)

in dem Gespräch zwischen Habermas und Ratzinger (war es im Jahr 2004?) haben beide übereinstimmend(!) gesagt, daß die rein autonome Vernunft in die Irre gehe.

[...]

Kann man also knicken.

„Die Quelle meiner Moral bin ich“?

Wenn ich diesen Grundsatz zugrundelege, kann ja niemand mehr unmoralisch handeln in meinen Augen, da jeder ja eine andere gleichberechtigte Quelle ist – ob das so hinhaut? (Ralf)

Im Kern haben Ralf und LePenseur sogar Recht, wenn auch nur in sehr eingeschränktem Sinne. Ohne Gott gibt es keine absolute Moral, die immer und für alle gilt. Das ist richtig. Aber es hilft nicht, die Augen davor zu verschließen und einfach so zu tun, als gäbe es sie doch.

Der Fehler liegt in dem Irrglauben, man hätte eine Alternative zu einer Moral gefunden, die auf menschlicher Konvention beruht. In diesem Beitrag möchte ich erläutern, warum ich der Meinung bin, dass gottgegebene Moral keine ist. Das ergibt sich für mich hauptsächlich aus zwei Gründen:

  1. Der selbstverständliche: Bevor wir unsere Moral von Gott beziehen, müssten die Gläubigen zunächst mal nicht nur seine Existenz demonstrieren, sondern auch belegen, dass die Moral, die sie uns anbieten, wirklich von ihm stammt. Ich warte noch immer vergeblich darauf.
  2. Der platonische: Sogar wenn Bedingung 1 erfüllt wäre, hätte göttliche Moral immer noch nichts mit dem zu tun, was ich (und, so behaupte ich, der ganz überwiegende Teil der Menschheit) eigentlich unter Moral verstehen. Um das zu erläutern, möchte ich auf das sehr alte, aber trotzdem unbeantwortete Euthyphro-Dilemma zurückgreifen, das sinngemäß so lautet:
    Ist Gott der Autor der Moral? Dann ist Moral willkürlich, und wenn Gott morgen sagte, gehet hin und vergewaltigt kleine Mädchen, dann wäre das eben moralisch. (Und bevor hier jemand einwendet, Gott würde so etwas nicht tun: Erstens spielt das keine Rolle für das Prinzip, dass eine Moral, die nur auf “Weil ich das sage!” basiert, keine ist, und zweitens hat er es schon getan.)
    Oder ist Gott nur der Vermittler einer Moral, die außerhalb Gottes besteht? Glückwunsch! Dann haben wir das Willkürproblem umgangen, aber wir sind immer noch keinen Schritt weiter, was die wirkliche Quelle unserer Moral angeht.

Deshalb scheitert göttliche Moral. Und glücklicherweise scheinen die meisten Gläubigen das auch intuitiv zu verstehen. Das denke ich nicht nur, weil wir bei jedem von ihnen beobachten können, wie sie bestimmte Passagen aus ihrer Heiligen Schrift akzeptieren und andere entrüstet zurückweisen oder mit Gewalt uminterpretieren. Das denke ich auch, weil jeder von ihnen eine a priori-Entscheidung treffen muss, Gott für gut zu befinden. Wer die Bibel liest, und für sich erkennt, dass Gott der Gute ist und Luzifer der Böse, der wendet seine eigenen moralischen Maßstäbe auf Gott an. Wer verschiedene Religionen studiert und entscheidet, dass Christentum die richtige für ihn ist, der tut es auch.

Wie man überhaupt auf die Idee kommt, das blutrünstige Monster Jahwe Elohim anbeten zu wollen, ist mir zwar auch nicht ganz klar, aber vielleicht klammern wir das für ein ander Mal aus.


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