Restebloggen (92)

11. Mai 2013
  1. Zum Glück nur in Amerika.
  2. “If you have faith and give me the $ 15,000, maybe one day the car will reveal itself to you.”
  3. Ey nee geh mir weg mit Into Darkness. Ich hab Star Trek 2009 gesehen, und damit war der Franchise für mich tot. Ja. Das ist eigentlich merkwürdig. Voyager hab ich hingenommen (nota bene hingenommen, nicht gesehen!), Enterprise hab ich hingenommen, Generations hab ich hingenommen, aber Star Trek 2009 hat dann meinen endgültigen Abschluss mit dem Thema markiert, und meine Entscheidung besiegelt, dass ich Star Trek insgesamt nicht mag. Bin durch mit dem Thema.
    Und ja, das ist mir zwei Absätze wert, so durch bin ich damit: Verdammt noch mal, wie kann das eigentlich sein, dass Firefly nach einer Staffel abgesetzt wird und Babylon 5 auch für immer verschwunden ist, aber zu Star Trek kommt nutzloser Drecksfilm nach nutzlosem Drecksfilm, und es geht einfach immer weiter? Verdammt noch mal, die Terminator-Serie hatte durchdachtere Plots und interessantere Charaktere und bessere Dialoge als Star Trek sie jemals zustande gebracht hat, sogar die, und die wurde natürlich auch abgesetzt, ist ja klar, weil es am Ende der zweiten Staffel wirklich so aussah, als könnte da was echt Gutes draus werden. Von Pushing Daisies will ich gar nicht erst anfangen, das hat nun auch wirklich gar nichts mehr mit Science Fiction zu tun, aber trotzdem. Ihr wollt doch, dass dieser Planet verglast wird, wenn ihn eines Tages mal echte Aliens entdecken, oder? Gut. Ich auch.
  4. Auch schön:

    “No good plan begins with magic sperm!”
  5. Ganz interessant: Postituierte lernen bei einer Beratungsstelle, wie sie auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingehen können. Mir fehlt in dem Artikel die Auseinandersetzung mit der Problematik der Sexualität von geistig Behinderten. Wir können doch schwerlich Sex mit Kindern (fast) bedingungslos unter Strafe stellen, weil wir sie nicht für mündig halten, in dem Bereich eine Entscheidung zu treffen, bei geistig Behinderten, die unter Umständen aber sogar noch weniger durchschauen, was geschieht, dann aber gar kein Problem sehen.
  6. Wie Heribert Prantl sich das mit dem Rechtsstaat vorstellt: “Die Auswertung von Festplatten und Steuer-CDs ist, auch bei fragwürdiger Herkunft, ein Akt der Notwehr gegen parasitären Reichtum.” Ob er nun generell Verfahrensvorschriften und Grundrechte in der Strafverfolgung zur Disposition stellt oder Notwehr nur gegen das Behalten verdienten Geldes für zulässig hält, nicht aber gegen Vergewaltigung, Mord oder Entführung, lässt er zwar offen, aber ich darf schon mal sagen, dass das, was nach Implementierung seiner Vision bliebe, kein Rechtsstaat mehr wäre. Und das finde ich persönlich erheblich asozialer einen Parasitismus, der darin besteht, dass man sein Eigentum trotz massiver Drohungen nicht rausrückt.
  7. Und wo ich schon mal beim Nörgeln bin: Wie Kate Darling sich das mit der Ethik vorstellt: “Wir sollten Roboter schützen, wie wir es mit Tieren tun. [...] Beim Tierschutz gehe es nicht primär um Tiere, sondern um Menschen. Wir schützen Dinge, die uns an uns selbst erinnern, weil wir uns selbst schützen wollen. Beim Tierschutz gehe es vor allem darum, Verhalten zu bestrafen, das in einem anderen Zusammenhang auch für Menschen gefährlich sein könnte.” Ist klar. Und weil ja Gemälde und Statuen auch viele von uns an Menschen erinnern, sollten wir am besten auch gleich Leute bestrafen, die die beschädigen, weil es viel wichtiger ist, leblosen Gegenständen Leid zu ersparen, als echten Menschen, und weil es natürlich grundsätzlich eine total gute Idee ist, Verhalten gegen Gegenstände zu bestrafen, das Menschen gefährlich sein könnte, wenn es sich nicht gegen Gegenstände richten würde, sondern gegen Menschen. Ich brech ins Essen.

a propos perfide Rhetorik

22. September 2012

Frank Schirrmacher hat eine Rede gehalten und uns dabei erklärt, welche Niedertracht sich in den Feinheiten scheinbar gut gemeinter Worte verstecken kann. Das macht er außergewöhnlich subtil, und um die Mühe anzuerkennen, die er sich damit offenbar gegeben hat, will ich mal schauen, wie viele Niederträchtigkeiten ich in seiner Rede finden kann. Ihr alle seid natürlich herzlich dazu eingeladen, mitzumachen. Wenn ihr mögt, dürft ihr das Ganze auch gern in die Meta-meta-Ebene heben, indem ihr in meinem eigenen Text nach rhetorischen Gaunereien sucht.

Weil es eine Rede anlässlich der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille ist, beginnt Herr Schirrmacher mit einer Bemerkung zu Herrn Neuberger selbst:

Als emigrierter Jude gehörte er zu jener Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus, die durch die pure Tatsache ihrer Rückkehr, was heute allzu leicht vergessen wird, diesem Land wieder eine moralische Chance gaben, eine Chance, die es in den Augen vieler so schnell nicht wieder verdient hatte.

Und hier, glaube ich, werdet ihr in meinem Text am ehesten fündig, denn hier bin ich mir selbst unsicher, ob ich Herrn Schirrmacher vielleicht zu Unrecht Niedertracht vorwerfe. Es ist nun einmal dünnes Eis, auf das man sich begibt, wenn man über dieses Thema redet. Aber ihr wisst ja, was Esel machen, wenn es ihnen zu wohl wird, also ans Werk:

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Zombies sind langweilig.

23. Juli 2012

Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, einen ethischen Post über die Protagonistin meiner Geschichte “Des Menschen bester Freund” zu verfassen, wenn ich diese schon nicht als solche hier veröffentliche, und aus möglicherweise nicht ganz plausiblen Gründen gab ars libertatis’ Beitrag über Eigentumsrechte nach der Zombie-Apokalypse den Ausschlag, es jetzt endlich zu tun, und sei es nur, um zu zeigen, dass ich mich nicht mit so billigen hypothetischen Fragen wie Zombifizierung zufrieden gebe, sondern wie immer direkt dahin gehe, wo es am meisten weh tut:

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Sympathy for the Devil

20. März 2012

[Voraussichtlich ist dies der letzte urlaubsbedingt kurze und inhaltsarme Beitrag. Spätestens Freitag dürft ihr dann mit der neuen Episode von "Bright Outlook" rechnen. Nehmt keine Drogen. This has been a public service announcement from überschaubare Relevanz.]

Ich lese gerade einen Kurzgeschichtensammlung namens “Monster’s Corner“, vor allem deshalb, weil eine Geschichte von Jeff Strand mit drin ist, aber die Idee hätte mich sicherlich auch so angesprochen: Die Geschichten darin sind alle aus der Perspektive des Monsters. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um eine Bemerkung des Herausgebers im Vorwort, die mich unangenehm aufgefallen ist. Er schreibt dort darüber, dass er das Monster (insbesondere Frankensteins) schon immer sympathisch fand, la-di-dah, und dann kommt aber dies:

“Now, let’s talk about reality for a moment. [...] There are real killers who go on rampages that leave people dead and others wounded and destroy the lives and hopes of so many. These are the real monsters [...] My understanding of and any sympathy for monsters does not extend to these real-life horrors. [...] you can have sympathy for how the monster became the monster without having sympathy for the monster itself. You can sympathize with the child whose experiences forged him into a soulless killer, but once he becomes a monster, sympathy ends.

Got that? Good.”

Und das stört mich. So richtig. Es würde mich schon stören, wenn er das nur als eine Beschreibung seines eigenen Empfindens verfasst hätte, aber für mich klingt da sehr deutlich auch der moralische Imperativ mit, den er uns vermitteln will. Und wenn ihr mich fragt, dann besagt der moralische Imperativ genau das Gegenteil, falls es bei solchen Themen wie “Sympathie” und “Mitgefühl” überhaupt einen solchen geben kann.

Ich will euch erklären, warum (Bestimmt hättet ihr damit jetzt nie gerechnet.): Die Bezeichnung “Monster” erkennt ihrem Objekt seine Menschlichkeit ab, seine Rechte, und eben seinen ganzen moralischen Status als einer von uns. Sie impliziert, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der nicht nur anders ist als wir, sondern schlechter, nicht nur wertlos, sondern ein echter Schädling. Und konsequenterweise fordert Christopher Golden (So heißt er.) dann auch, dass wir kein Mitgefühl mit und kein Verständnis für solche Monster haben sollen.

Das halte ich in zweierlei Hinsicht für falsch, und ich will euch erklären, wa… Moment, irgendwas ist hier schiefgelaufen. Pardon. Trotzdem erkläre ich jetzt, warum:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und zu guter Letzt: Diese Implikation, es wäre falsch, mit Monstern Mitgefühl zu haben, wäre natürlich sogar dann falsch, wenn der Rest sachlich stimmen würde. Was spricht dagegen, für einen seelenlosen Mörder zu fühlen, der in Gefangenschaft leidet und sich vor der Todesstrafe fürchtet, die ihm bevorsteht? Wir müssen ihn nicht freilassen, weil wir ihn bedauern. Wir müssen ihn nicht unangemessen großzügig behandeln, nur weil wir Mitgefühl mit ihm haben. Sogar wenn es nichts Gutes bewirkt, dann ist zumindest nichts Falsches daran, auch mit Leuten wie Hitler und Stalin und Dahmer und Wournos und Mao und Bales Mitgefühl zu haben. Dale Carnegie hat ganz richtig geschrieben, dass der einzige Grund, warum du keine Klapperschlange bist, darin besteht, dass deine Eltern keine waren. Ich denke, es schadet nicht, Menschen zu bedauern, die nicht das Glück hatten, zu so produktiven, aufrechten und angenehmen  und unverschämt gutaussehenden Mitglieder der Gesellschaft zu werden, wie wir es sind, und uns hin und wieder daran zu erinnern, dass es auch anders hätte kommen können.

Und überhaupt: Wenn ich mir die Welt so ansehe, dann scheint mir offensichtlich, dass es ihr nicht an einem Übermaß an Mitgefühl und zu viel Verständnis gebricht.


in welchem ich demonstriere, dass meine Rants nicht immer lang und mäandernd sein müssen

23. Februar 2012

“Der Deutsche Ethikrat schlägt mit überwiegender Mehrheit vor, Menschen mit dem Geschlechtseintrag „anderes“ die eingetragene Lebenspartnerschaft zu ermöglichen. Ein Teil des Ethikrates schlägt vor, ihnen darüber hinaus auch die Möglichkeit der Eheschließung zu eröffnen.” 

Ich schäme mich so sehr, in einer Gesellschaft zu leben, in der ein “Ethikrat” eine solche Stellungnahme abgibt, dass es schon körperliches Unwohlsein verursacht. Wir gehören alle geohrfeigt dafür, dass dieses Thema überhaupt diskutiert werden muss, und dahin getreten, wo es am meisten weh tut.

Allein schon diese erbärmliche Unterscheidung zwischen “Ehe” und “eingetragener Lebenspartnerschaft” sagt doch alles über uns aus, was eine außerirdische Zivilisation wissen müsste, bevor sie entscheidet, ob sie die Oberfläche dieses Planeten verglasen will.


Weil einfach einfach einfach ist.

13. Juni 2011

Gerade hat mir einer meiner Facebook-Freunde die Ethikbank empfohlen. Also, nicht nur mir, sondern allen. Ihr wisst ja, wie das geht. Und weil ich mir gleich dachte, hm, Ethikbank, das klingt ja, als wäre das eine total ethische Bank, das muss ja gut sein, habe ich mir die Sache mal näher angesehen.

Auch der Slogan ist einfach Klasse: “Faire Bank statt Bank affaire”. Wahnsinn, oder? Ist euch aufgefallen, was sie da gemacht haben? Faire, affaire? Verstehen Sie?

Auf der Homepage fällt zunächst ins Auge, dass es der Ethikbank offenbar um faires Geld geht. Das finde ich sehr erfreulich, denn das unfaire Geld meiner örtlichen Sparkasse hat sich in den letzten Monaten immer wieder als ein Hindernis bei der Abwicklung meines Alltags erwiesen. Die Ethikbank lohnte also offensichtlich eine nähere Untersuchung.

Im nächsten Schritt bemerkte ich etwas weiter unten links ein Banner zur “Steuer gegen Armut” , und da begann meine Begeisterung schon spürbar nachzulassen. In mir regte sich der Verdacht, dass die Ethikbank in Bezug auf richtig und falsch etwa ähnlich steindumme, unreflektierte, moralinsaure Maßstäbe anwenden wie sie mich auch bei den Grünen so abstoßen. Kann doch gar nicht nicht sein, dachte ich mir, schließlich heißen die doch Ethikbank!

Also war ich mal einen Blick in die Langversion der Anlagekriterien - “für Gründliche” stand da drüber, und das passte ja gut, hier wird schließlich ernsthafter, glasharter Journalismus betrieben bei überschaubare Relevanz. Nur. Immer. -, und irgendwie verfestigte sich dabei mein Eindruck, dass die Ethikbank ihre Vorstellungen von Ethik direkt aus dem Hinterteil von Claudia Roth bezieht.

Sicher, es ist nicht alles schlecht – wer kann das schon? -, aber im Großen und Ganzen herrscht da ein Grad von Borniertheit, der zwar für das Geschäft in Anbetracht der Zielgruppe vorteilhaft sein mag, den ich aber aus meiner Sicht nur als manifest unethisch bezeichnen kann.

Dies sind die Ausschlusskriterien der Ethikbank bei der Kreditvergabe an Unternehmen:

1. Herstellung oder Vertrieb von Militärwaffen
2. Besitz oder Betrieb von Atomkraftwerken
3. Gentechnische Veränderung von Pflanzen oder Saatgut
4. Herstellung oder Vertrieb von ozonzerstörenden Chemikalien
5. Beschäftigung von Kindern
6. Tierversuche bei Kosmetika
7. Eklatante Bestechungs- und Korruptionsfälle
8. Eklatante Verstöße im Umgang mit Menschenrechten

Was hier meiner Meinung nach nicht stimmt, ist die Einfachheit. Die Ethikbank versucht uns eine ganz einfache Lösung zu verkaufen. Sie versucht uns, einzureden, dass ethisches Verhalten eine ganz einfache Sache ist. Man muss sich nur an ein paar einfache Regeln halten, und schon handelt man einfach ethisch. Man stellt keine Waffen her, man beschäftigt keine Kinder, man besticht niemanden, Klappe zu, Affe frei und für immer geschützt vor Tierversuchen. Man führt eine Steuer ein, die “Steuer gegen Armut” heißt, und, zack, hat man einfach was Gutes gegen Armut getan.

Ich finde leider gerade die Stelle nicht, aber ich glaube, ich habe hier im Blog schon mal irgendwo geschrieben, was mit solchen einfachen Antworten nicht stimmt: Sie sind meistens falsch. Die Welt ist nicht einfach. Sie ist kompliziert. Und deswegen ist es auch ein komplizierter Prozess, zu entscheiden, was gut ist, und was nicht, was falsch und was richtig.

Lasst mich an konkreten Beispielen erläutern, was ich meine:

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Subjekt, Prädikat, Objekt

27. Mai 2011

Ich führe drüben bei jesus.de mal wieder eine Diskussion über das Thema Ethik und so weiter. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um hier kurz ein Kommunikationsproblem anzusprechen, das eigentlich schnell erklärt ist, aber trotzdem ohne Ende Probleme bei Diskussionen zwischen Theisten und Atheisten schafft.

Wie so oft ist es eine Definitionsfrage.

Das Wort “objektiv” bedeutet für mich “unabhängig von jeglichem Bewusstsein”.

Daraus folgt, dass Begriffe wie “objektive Moral” oder “objektiver Sinn” Oxymora sind. Moral oder Ethik bezeichnet einen Satz von Verhaltensregeln, und ein Sinn ist mehr oder weniger synonym mit einer Absicht oder einer Zielvorstellung. Sowohl eine Verhaltensregel als auch eine Absicht sind ohne ein Bewusstsein nicht denkbar.

(Naturgesetze sind natürlich was anderes. Wer Probleme mit der Unterscheidung hat: Naturgesetze erkennt man ziemlich zuverlässig daran, dass man sie nicht brechen kann.)

Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob ich an einen Gott glaube oder nicht. Sogar wenn es einen allmächtigen, allwissenden Gott gäbe, wäre dessen Perspektive immer noch seine eigene, und damit subjektiv. Im besten Fall weiß der dann besser als ich, was gut ist und was nicht, aber dann stellt sich trotzdem noch die Frage, warum und wann ich ihm glauben sollte. Es ist wie immer: Vertrauen in eine Autorität kann eine sinnvolle Sache sein, aber es entbindet mich nicht von der Verantwortung für meine eigenen Entscheidungen.

Na gut. Die Diskussion über religiöse und atheistische Moral hatten wir hier ja schon. Wieder und wieder. Das möchte ich nicht alles wiederholen. Aber ich dachte, dieser Punkt ist es wert, noch einmal festgehalten zu werden:

Den Begriff “objektiv” so umzudefinieren, dass er nicht mehr seine gebräuchliche Bedeutung hat, sondern stattdessen heißt “unabhängig von jeglichem Bewusstsein außer einem, das ich mir aussuchen kann”, ist keine Lösung, sondern nur ein sinnloses Spiel mit Worten. (Übrigens genauso wie das Argument: Es muss ja einen Gott geben, denn nichts kann ohne Schöpfer existieren, bis auf diese eine Sache, die ich mir aussuchen kann. Aber das ist eine andere Geschichte.)


Leser fragen, überschaubare Relevanz antwortet

4. April 2011

Drüben bei Formspring fragt mich Anonym:

Nach deinem Post über die WBC: Christliche Fundamentalisten haben die Tage einen Koran verbrannt, in der Folge kam es in Afghanistan zu Protesten und Toten. Wer ist moralisch Schuld? Verbrennung durch Meinungsfreiheit gedeckt?

Die Frage(n) halte ich für anspruchsvoll genug, um einen Blogpost draus zu machen. Ta da:

Die zweite Frage ist schnell beantwortet: Selbstverständlich ja. Jeder darf jedes Buch, das ihm gehört, zerstören, wie immer er es für richtig befindet. Er darf es verbrennen, shreddern, zerreißen, essen oder in jede andere Körperöffnung seiner Wahl schieben, wenn er auf sowas steht. Der Staat hat so etwas nicht zu untersagen.

Die erste Frage ist… Naja, einerseits schnell beantwortet, andererseits aber auch nicht. Direkt die Schuld am Tod von Menschen tragen natürlich diejenigen, die sie getötet haben, nicht der, über den die, die sie getötet haben, sich fürchterlich aufregen zu müssen meinten.

Aber diese Antwort ist eigentlich zu kurz, denn natürlich tragen wir alle Verantwortung für die Folgen unseres Handelns, und zwar umso mehr, je klarer diese abzusehen sind.

Beispiel 1: Wenn ich ein altes Yps-Heft auf meinem Speicher finde und das dann verbrenne, ohne mir was dabei zu denken, bin ich wohl kaum dafür verantwortlich zu machen, wenn daraufhin ein geistesgestörter Yps-Fan irgendwo Amok läuft.

Beispiel 2: Wenn hingegen jemand neben meinem Kamin steht, meinem Sohn eine Waffe an die Schläfe hält und mir droht, ihn zu erschießen, falls ich das Yps-Heft da rein werfe, dann trage ich ein erhebliches Maß an Verantwortung für den Tod meines Sohnes, falls ich es trotzdem einfach tue.

Ich denke, wir sind uns einig, dass der hier besprochene Fall von Koranverbrennung mit keinem dieser Beispiele ganz übereinstimmt, aber dem zweiten erheblich näher steht als dem ersten, denn Terry Jones hat nicht völlig gedankenlos Bücher verbrennt, sondern er wollte damit provozieren, und er wusste, dass die Provozierten zu Gewalttaten neigen. Man muss unterstellen, dass er billigend in Kauf genommen hat, dass aufgrund seiner Provokation Menschen sterben. Auch er trägt Verantwortung für den Tod dieser Menschen.

Das heißt nicht zwangsläufig schon, dass sein Handeln verwerflich ist. Das heißt nur, dass er hätte abwägen müssen. (Die Parallele zum Draw Mohammed Day drängt sich geradezu auf.) Denn dem Risiko gewalttätiger Proteste steht der Einsatz für die Meinungsfreiheit gegenüber, und die Botschaft, dass Terroristen und Extremisten nicht die Spielregeln machen. Es mag dem einen oder der anderen von euch verwerflich erscheinen, solch eine Botschaft mit Menschenleben abzuwägen, aber ich halte es für erforderlich. Der Klügere kann nicht immer nachgeben, solange der Dumme nur wahnsinnig genug ist. (Nicht, dass ich Terry Jones für besonders klug hielte; ich spreche von der grundsätzlichen Frage.)

Wenn sich morgen eine Gruppe von Bekloppten zusammenschließt und entscheidet, dass sie es als unerträgliche Blasphemie empfindet, Nudeln zu essen, höre ich deshalb dann damit auf? Wenn eine Religionsgemeinschaft nur heftig genug gegen Homosexualität ist, wird sie dann irgendwann wirklich unmoralisch?

In extremen Fällen ist die Antwort auf diese beiden Fragen gar nicht so einfach, wie sie auf Anhieb vielleicht scheint. Und um wieder zum konkreten Fall zurückzukehren: Terry Jones hat meines Wissens nicht viel mit Meinungsfreiheit am Hut. Ihr könnt mich korrigieren, wenn ich mich irre, aber so, wie ich das verstehe, wollte er mit seiner Aktion vor allem seinem dumpfen Hass gegenüber dem Islam Ausdruck verleihen, und seine Überzeugung demonstrieren, dass sein unsichtbarer Freund deren unsichtbaren Freund total verprügeln könnte. Seine Aktion ist für niemanden von Vorteil. Dass er dafür Öl in ein stets schwelendes Feuer gießt und unnötig einen Konflikt anheizt, der auch so schon kompliziert genug ist, halte ich für verwerflich, auch wenn ich natürlich schon noch einen erheblich Unterschied sehe zwischen dem provokanten Verbrennen von Büchern und dem Töten von Menschen.

Ist aber wirklich keine einfache Frage, und ich wüsste zu gerne, was ihr darüber denkt.

Was denkt ihr?


Kann das wirklich Zufall sein?

29. März 2011

Während meiner Schulzeit gab es einen Lehrer, den ich wirklich bewunderte. Er war in der Oberstufe mein Tutor, und er unterrichtete Mathematik und Werte und Normen. Er war klug, er hatte Humor, er war immer freundlich, und in unserer Abiturzeitung schrieb er über mich, dass ich eigentlich gar nicht so arrogant sei, wie ich oft wirkte. Ich glaube, er ist inzwischen im Ruhestand, und ich fürchte, dass ich meinen Vorsatz, ihm mal einen Brief zu schreiben, vielleicht nie umsetzen werde, aber zumindest einmal möchte ich es schriftlich festhalten: Sie waren der beste und sympathischste Lehrer, den ich je hatte, und irgendwie sogar ein Vorbild. Vielen Dank, Herr Glimm.

So empfand ich es auch kein bisschen als Strafe, als er mich nach einer längeren Diskussion im Werte-und-Normen-Unterricht aufforderte, meine sonderbare Meinung, dass es das Böse als solches nicht gibt, in einem kurzen Aufsatz zu begründen.

Ich tat das sehr gerne, und er las es, und meinte, es sei sehr interessant, aber überzeugt habe es ihn nicht.

Das war natürlich ein bisschen enttäuschend, aber so geht’s eben, und ich habe es ihm nicht übel genommen. Wäre ja auch noch schöner.

Leider habe ich diesen Aufsatz von damals nicht mehr, aber zu Ehren von Herrn Glimm (und meines Versprechens, mal wieder vom Thema Religion wegzukommen) hatte ich mir gestern vorgenommen, meinen Gedankengang heute für euch noch einmal darzulegen. Und nun, siehe da, als hätten wir uns abgesprochen, veröffentlichte die “Welt” gestern einen langen, dummen Artikel zu dem Thema. Schicksal? Vorsehung? Telepathie? Wer weiß…

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Hattrick

15. März 2011

Menschenwürde ist sicher irgendwie sehr wichtig, aber manchmal denke ich doch, dass sie als rechtliches Konzept völlig nutzlos ist. Deswegen ist nach meiner Erfahrung immer große Skepsis angebracht, wenn jemand sie als Begründung für irgendeine steile These heranzieht, ob es sich dabei nun um Bundesverfassungsrichter handelt, oder um Leute, die gerne Aufkleber an ihren Stoßstangen anbringen.

Heute geht es aber um einen (ehemaligen) Verfassungsrichter, der auf dem großen Menschenwürdelagerfeuer ein PID-Verbotssüppchen zu kochen versucht (Fragt mich nicht, wo diese bescheuerte Metapher herkommt, sie musste irgendwie einfach raus.) Er baut seine Argumentation in drei Stufen auf, von denen dankenswerterweise jede einzelne vollständig versagt, wenn man sie mal genauer betrachtet. (Am Anfang befürchtete ich noch, dass er einfach nur von einer einzigen falschen Grundannahme startet und von da an konsequent sein falsches Gebäude errichtet. Das hätte für einen Blogpost natürlich wenig Material hergegeben.)

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