Die Experten

27. Februar 2012

Ja, irgendwie sagt es etwas Nichtgutes über mich aus, dass ich mich bemüßigt fühle, diesen Beitrag zu verfassen, aber was ist ein Blog, das nur Gutes über seinen Autor aussagt, schon wert. Ich rede mir aber derzeit auch noch ein, nebenbei auch noch ein legitimes Anliegen zu verfolgen, sodass einem Beginn des Artikels eigentlich wirklich nichts mehr im Weg steht, außer meinem eigenen Unwillen, aufzuzeigen, wie kleinlich ich manchmal bin.

Ich war kürzlich mal wieder bei einer Familienfeier. Hat mir gut gefallen. Das Essen war toll, und es dauerte nicht so lange, weil es spät anfing und ich die günstige Ausrede hatte, weit nach Hause fahren zu müssen. Im Rahmen dieser Feier saß ich ca. 90 Minuten lang an einem Tisch mit Verwandten und anderen Gästen, die sich über die Finanzkrise, insbesondere Griechenland, unterhielten. Ich höre solchen Gesprächen manchmal ganz gerne dumm lächelnd zu und mache mir einen Spaß daraus, im Geiste mitzusprechen. Das kann man nach meiner Erfahrung ganz gut, denn wenn man zwei solcher Gespräche gehört hat, kennt man sie alle. Nach meiner Erfahrung werden diese Gespräche meistens von wenigen Personen dominiert, zwei oder drei, die in sehr ruhigem scholl-latourhaftem Tonfall die Welt erklären, nebst einigen Mitläufern, die hin und mal wieder etwas einwerfen, dem die Rädelsführer dann nicht offen widersprechen, aber den Kommentar doch mit kaum verkennbarer Missachtung übergehen. Diese Missachtung ist unabhängig von der Sinnhaftigkeit des jeweiligen Einwurfs.

“Es war ja eigentlich schon lange klar, dass die eigentlich die Kriterien nicht erfüllen. Da hätte man reagieren müssen.”

“Aber die Verträge sehen ja auch keine Sanktionen vor. Normalerweise gibt es da ja was, wenn man sich nicht an Regeln hält.”

“Das kann doch auch gar nicht gut gehen, wenn man solche Staaten einfach mit in die Euro-Zone lässt. Die sind von der wirtschaftlichen Entwicklung einfach noch nicht so weit.”

“Da spielen natürlich auch noch andere Aspekte mit rein, nicht nur wirtschaftliche. Man hat ja auf so einem Land viel mehr den Finger drauf, wenn es in der Euro-Zone ist, als wenn Russland da den Finger drauf hat.”

“Das sind zwei Prozent des BIP der EU. Und damit beschäftigen wir uns jetzt seit Monaten!”

“Aber stell dir mal vor, was los ist, wenn Spanien und Italien auch in Schwierigkeiten kommen. So viele Rettungsschirme können wir gar nicht aufspannen!”

“Wenn jetzt auch noch die Urlauber wegbleiben, dann kriegen die Griechen aber wirklich Probleme, die vom Tourismus leben.”

“Ja, das ist für die ja sehr wichtig. Das profitiert dann jetzt die Türkei von. Ist ja auch da in der Ecke.”

“Die deutschen Banken haben sich fast völlig von den griechischen Sachen freigemacht. Die Deutsche Bank hält nur noch eine Milliarde oder so, das ist für die ja Portokasse. Bei den französischen Banken ist das ganz anders. Ob die das einfach nicht verstehen, oder glauben die, dass dann wieder der Staat einspringt?”

“Naja, die deutschen Banken sind da doch wieder über drei Ecken auch wieder dran beteiligt, sodass dann am Ende doch wieder alle drin hängen.”

Und so weiter, ad nauseam. Die Zitate sind natürlich nicht buchstabengetreu, vermitteln aber einen sehr umfassenden Eindruck vom Verlauf der gesamten eineinhalb Stunden, Ehrenwort. Irgendwann musste ich dann gehen. Meine Großmutter und Tante begleiteten mich noch zur Tür und sprachen an, dass ich mich ja kaum an der Unterhaltung beteiligt hätte, worauf ich meinte, naja, es sei ja auch ohne mich gegangen. Meine Mutter freut sich immer, wenn ich auf Familientreffen niemanden direkt beleidige, und ich mache ihr die Freude gern, denn ich habe ihr viel zu verdanken. Meine Großmutter – die ein Talent für solche Sprüche hat – vermutete daraufhin: “Ja, das ist wohl nicht so deine Größenordnung.”

Ich fühlte mich davon jetzt doch ein bisschen angestochen und sagte in dem subtilen Sarkasmus, den ihr von mir kennt und liebt: “Na, was soll ich auch noch sagen, wenn die anderen sowieso schon alles wissen?”

Worauf die beiden ganz ernsthaft nickten.

“Ja, der [...] ist schon beeindruckend”, sagte meine Tante über einen der beiden Herren, die das Gespräch im Wesentlichen bestritten hatten und von denen unter anderem die tief analytische Erkenntnis stammte, dass ausbleibende Touristen schlecht für Leute sind, die vom Tourismus leben, und dass die spanische und italienische Volkswirtschaft viel größer ist als die griechische. Da könne kaum jemand mithalten, meinte sie, und er würde ja auch in seinem Beruf viel Geld damit verdienen, dass er über so ein enormes Zahlengedächtnis verfüge und immer so einen perfekten Überblick über die Lage habe.

Und das sind so die Momente, in denen ich mich frage, ob Demokratie wirklich die richtige Regierungsform für uns ist.


in dem ich demonstriere, dass auch ich meine Krankheiten habe und mich alleine deshalb nicht über andere Leute wegen ihrer eigenen erhebe

30. Dezember 2011

Sollte das jemanden hier ernsthaft überraschen, möge derjenige sich bitte per Mail melden, ich hätte da ein paar sehr preisgünstige Zauberbohnen im Angebot: Ich habe gewisse Schwierigkeiten damit, eine Diskussion einfach mal gut sein zu lassen, und das ist noch sehr zurückhaltend formuliert. Deswegen folge ich jetzt Maiks Vorschlag und schreibe einfach mal einen eigenen Artikel über meine Ansicht von Religion. Ist mir sowieso unerklärlich, dass ich darauf noch nicht selbst gekommen bin.

Kurze Vorgeschichte: Drüben bei Web der Wunder schrob Coco einen Artikel namens “Wenn Religion zu weit geht“, und da musste ich natürlich eine Diskussion anfangen, ist ja klar. Die endete nun kürzlich recht abrupt, indem Maik mich bat, doch Ruhe zu geben und den Artikel mit weiteren Kommentaren zu verschonen. Das gute Recht des Hausherren, und natürlich darf jeder seinen Kommentarbereich nutzen, wie er mag. Nun fand sich aber ausgerechnet im letzten Kommentar, den ich nicht mehr beantworten sollte, eine doch arg grobe Verzerrung meiner Sichtweise, und die möchte ich nun hier richtigstellen.

Dies ist also ein Artikel, den ihr ohne jede Gefahr ignorieren könnt, wenn euch das Thema nicht ähnlich zwanghaft interessiert wie mich. Echt jetzt. Nicht weiterlesen. Ich mache mich hier total zum Honk, und es ist nicht mal lustig. Wartet einfach auf frische Beiträge im nächsten Jahr.

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Gemischter Umgangsformenpost mit Selbstzweifeln

30. Dezember 2011

Wie das manchmal so geht, habe ich in den letzten Tagen viel über Umgangsformen und Höflichkeit und Anstand und Respekt und den ganzen Klumpatsch nachgedacht. Das hat viele Gründe.

Zuerst mal war Weihnachten. Da ist man viel mit Verwandten zusammen, und solchen, die es gerne wären, und überhaupt verbringt man unerquicklich viel Zeit mit anderen Menschen. Mir fällt dabei immer wieder auf, was für eine erstickende Wirkung die gängige Vorstellung von Höflichkeit entfalten kann, zumindest meiner Meinung nach. Der eine fühlt sich verpflichtet, zu fragen, ob der andere noch Kaffee will, und der andere fühlt sich verpflichtet, es anzunehmen, und schon muss der eine in die Küche gehen und Kaffee kochen, obwohl er gar nicht will, und obwohl auch eigentlich niemand Kaffee trinken will, das Gespräch ist unterbrochen, und hinterher müssen alle Kaffee trinken, sogar die, die nicht mal wahrheitswidrig behauptet haben, sie wollten welchen, denn nun ist er da und muss ja getrunken werden, und es wäre ja unhöflich, den Gastgeber darauf sitzen zu lassen.

Oder so.

(Wer hier öfter mitliest, wird sich denken können, dass das für mich weniger ein selbst erfahrenes Problem ist, als eher eines, bei dem ich andere Menschen beobachte. Es tut trotzdem weh.)

Und weil ich sowieso schon dabei war, fiel mir in modernismas eigentlich rundum interessanten Anmachen-Post vor Allem dieser Teil auf:

[...] hat mich in vielleicht ungebührlichem Maße die Aussage pikiert, dass doch in solchen Situationen nicht zu viel verlangt wäre, dem Hoffnungsvollen zu erklären, man sei vergeben [...]

Und verdammt noch mal, da kann einem doch nun wirklich der Kraken platzen (Ich werde das nie wieder richtig schreiben.). Nicht nur, wie Pardette selbst viel besser formuliert, als ich es könnte:

Diese Erwartungshaltung, dass nur die Präsenz oder der Besitzanspruch eines anderen Mannes (bei Frauen mag es das, wie gesagt, auch geben) Eroberungsversuchen ein Ende setzen dürfen, die stößt mir auf.

Es ist auch das Prinzip: Warum zur Hecke können wir denn anderen Menschen nicht einfach sagen, was wir denken und was wir wollen und was wir mögen, und was nicht? Wie schwer kann das denn sein, damit klar zu kommen, dass jemand anders empfindet als ich, irgendwas nicht will, das ich gerne will, oder mit irgendwas nicht einverstanden ist, was ich denke?

Deal. With. It.

Ehrlich, mich regt das auf. Ich finde das anstrengend, und sinnlos, und erbärmlich, und ganz ganz ganz schlimm. Und ich glaube, es ginge auch anders. Ich glaube, das ist so eine Sache, an die man sich gewöhnen kann. Ich jedenfalls weiß, dass ich es sehr schnell könnte. Oder wie ich drüben schon schrieb:

Ich träume von einer Welt, in der Leute mir sagen: „Ich finde dich hässlich, und ich mag dich nicht“, wenn Sie das nun einmal so sehen.

Und – der eine oder andere mag das kommen gesehen haben – das ist auch gleich eine ganz brauchbare Überleitung zum letzten Aspekt des Themas, das sich mir gerade aufdrängt. In den letzten zwei Tagen wurde mir zweimal völlig unabhängig voneinander gesagt, meine Ausführungen zu Religion im Allgemeinen und zum Christentum im Speziellen seien persönlich beleidigend. Einmal hier im Blog, einmal woanders. In beiden Fällen hatte ich nichts Persönliches über irgendwen gesagt. Ich hatte nur den geäußerten Ideen gesprochen, das allerdings in durchaus harten Worten.

Und das ist noch so eine Sache, die ich nicht verstehen kann. (Ganz abgesehen davon, dass es ohnehin ziemlich schwer ist, mich zu beleidigen, sogar wenn man direkt etwas Persönliches über mich sagt.) Wie kommt es, dass Menschen sich so mit ihrer Meinung identifizieren, dass sie eine Kritik an dieser als persönlichen Angriff empfinden?

Wenn ich lese, wie jemand sich über die Evolutionstheorie lustig macht und darüber schreibt, wie offensichtlich diese Welt vor rund 6000 Jahren von Jahwe Elohim in die Existenz gepufft wurde, dann ärgert mich das, dann belustigt mich das, dann macht mich das vielleicht sogar traurig, aber es beleidigt mich doch nicht. Und wenn jemand schreibt, dass er es unbegreiflich dumm findet, keinen Gott anzubeten, weil man sich damit ja die Chance auf ewiges Glück verbaut und außerdem jeder, der ehrlich nach einem sucht, auch einen Gott findet und ihm persönlich begegnen kann und alles, dann ist das doch kein persönlicher Angriff gegen mich.

Andererseits lässt es sich ja nun mal nicht leugnen, dass Kritik an Religion offenbar diese Wirkung auf religiöse Menschen hat, und oft genug sogar auf angeblich nicht religiöse. Einerseits glaube ich, dass das in Ordnung so ist, denn ich bin kein Anhänger der Don’t be a Dick-Fraktion. Andererseits will ich nicht einer von diesen Atheisten sein, die ihren Anspruch auf Skeptizismus und Rationalität aufgegeben haben, den ganzen Tag kindische Beleidigungen gegen Gläubige in die Welt blasen und zu Recht von allen Seiten als eher degoutante Dummköpfe betrachtet werden. Und man weiß ja nie so richtig, wie gut Selbst- und Fremdbild noch übereinstimmen.

Das geht keineswegs nur beim Thema Religion so. Auch politisch werde ich ja hin und wieder sehr deutlich. Ich formuliere hier desöfteren auch erheblich härter, als ich es in einem persönlichen Dialog täte. Das hat natürlich einerseits den Grund, dass der Zweck eines Blogposts ein anderer ist als der eines persönlichen Gesprächs. Es wird aber natürlich auch dadurch erleichtert, dass ich mir gar keine großen Gedanken um die Wirkung meiner Worte machen muss, wenn ich anonym schreibe und davon ausgehen kann, dass Frau von der Leyen meine Meinung erstens niemals lesen wird und zweitens, sogar wenn, nicht darauf reagieren wird.

Insofern biete ich diesen Post hier sozusagen als Open Thread an für eine Diskussion über Umgangsformen allgemein, über meine im speziellen, und vielleicht auch über mein Auftreten gegenüber Religionen im ganz besonderen. Vielleicht hat mir dazu ja jemand was zu sagen. Und falls nicht: Kommt gut ins Neue Jahr, und vergesst nicht, eure Stimmen zu Bright Outlook abzugeben. Vergesst nicht: Jede nicht abgegebene Stimme ist eine Stimme für den französischen Jungen. Die Zeit drängt.


Splitter und Balken

23. Juli 2011

Diese Leute, die mich hin und wieder ermahnen, dass es mir zum Beispiel völlig egal sein könnte, wenn der Papst den Gebrauch von Kondomen verbietet oder Homosexualität als Sünde diffamiert, dass es doch wohl Zeichen meiner tiefen inneren Unreife und Unsicherheit sei, dass ich so etwas nicht einfach auf sich beruhen lassen kann, und dass es mich doch wohl gar nichts angehe, was andere Leute sich auf Basis ihrer Überzeugungen für Regeln auferlegen: Müssten die nicht eigentlich trotz allem zumindest noch ganz leise das resignierte Piepen ihrer eingestaubten Ironiedetektoren hören?

Aber wahrscheinlich haben manche Menschen sich den Gebrauch ihrer Vernunftinstrumente so gründlich verlehrt, dass sie nicht einmal mehr wissen, wo auf dem spinnwebverhangenen Dachboden ihres Verstandes die Dinger stehen.


Sehr verhaltene Lektüreempfehlung

3. Mai 2011

How to win friends and influence people” von Dale Carnegie ist in gewisser Weise ein fürchterliches Buch. Sein Inhalt lässt sich recht vollständig zusammenfassen mit “Sei nett zu Leuten, dann kommst du besser mit ihnen zurecht, als wenn du fies bist”. Den größten Teil des Volumens nehmen kleine Anekdoten ein, die man freundlich als anschauliche Beispiele zur Anwendung der beworbenen Prinzipien bezeichnen könnte, und weniger freundlich als ziemlich durchschaubare Versuche, augenscheinlich plausible Thesen durch mehr oder weniger frei erfundene Best-Case-Szenarien zu belegen.

Man neigt ziemlich zügig zu weniger Freundlichkeit, wenn man zum fünfzehnten Mal liest: “But can these principles also help you with your personal goals and challenges? Well, let’s see. I was told recently…” und dann kommt die Geschichte von einem Kerl, der regelmäßig eine alte Frau besucht und sich ihre Lebensgeschichte angehört hat und dafür ihren Sportwagen geschenkt bekam, oder die von dem Typen, der sich die Beschwerden eines schwierigen Kunden geduldig und freundlich anhörte und ihn dadurch so begeisterte, dass der gleich noch für $ 50.000 Ware bestellte und seitdem ein treuer Fan ist, oder die von der Frau, die mit ihrem Vermieter vor den Verhandlungen über sein Leben plauderte und seine Erfolge bewunderte und dadurch eine Mietsenkung erreichen konnte, oder…

Mir kommen solche Bücher beim Lesen immer fürchterlich nutzlos und dumm vor. Was wahr ist, ist trivial, und was nicht ganz trivial ist, ist zumindest nicht ganz wahr.

Aber doch lese ich solche Bücher hin und wieder, und manchmal denke ich auch, dass das vielleicht auch andere Leute tun sollte. Zum Beispiel, wenn ich am Flughafen zusehe, wie eine Passagierin mit der Mitarbeiterin der Fluggesellschaft Streit anfängt, weil die (zu Recht) ihr Handgepäck für zu sperrig befunden hat, um es in die Kabine mitzunehmen.

“This is impossible, I arrived with this, I was allowed to take it on the flight here! This is not too large!”

“You’re measuring it wrong! I took something out, and it fits now! You cannot do this!”

“You’re losing a customer!”

“I want your name! And your name, too. I’m going to file a complaint! You, over there! Do you have a business card?”

Wenn die Dame es darauf angelegt hatte, die RyanAir-Mitarbeiterin in ihrer Haltung bestärken und aber auch ganz bestimmt keine Ausnahme für sie zu machen, sie hätte es nicht besser machen können. Wer so angegangen wird, weil er nur seinen Job macht, hat nicht nur keine Lust mehr, kulant zu sein, er kann es auch gar nicht mehr, ohne vor den anderen Leuten sein Gesicht zu verlieren.

Ich glaube aber eigentlich, dass die Dame es auf gar nichts angelegt hat. Sie hatte keinen Plan. Sie war einfach nur verärgert und fühlte sich unfair behandelt, und genau das hat sie dann auch zum Ausdruck gebracht. Wenn sie jemand gefragt hätte, ob sie das für zielführend hält, hätte sie (wenn sie sich darauf eingelassen hätte) nach kurzem Nachdenken sicher sofort erkannt, dass es das nicht ist. Sie hatte kein Ziel im Auge, und keine Taktik, sondern einfach nur ihre eigenen Wünsche und Gefühle.

Andererseits tue ich ihr vielleicht Unrecht. Vielleicht wusste sie genau, dass sie direkt nichts erreichen würde. Vielleicht wollte sie nur den anderen Passagieren demonstrieren, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Vielleicht rechnet sie damit, dass diese Gepäckprüferei irgendwann aufhört, wenn genug Fluggäste sich widersetzen. Oder sie hat die RyanAir-Mitarbeiterin bewusst provozieren wollen, weil sie Spaß dran hatte. Wer weiß? Je nachdem, was man erreichen will, kann es richtig sein, nicht freundlich zu bleiben.

Dale Carnegie liegt meiner Meinung nach falsch, wenn er behauptet, dass es nie sinnvoll ist, jemandem direkt zu widersprechen und die harte Konfrontation zu suchen. Ich denke, dass er Recht hat, wenn er sagt, dass es oft nicht der beste Weg ist, jemanden zu überzeugen.  Aber manchmal will man gar nicht die Person unmittelbar überzeugen, mit der man redet. Und manchmal kann man jemanden durch eine harte Konfrontation auch dazu bringen, dass er zumindest nach dem Gespräch mach infrage stellt, was er so denkt, auch wenn er während der Diskussion noch auf seinem Standpunkt beharrte.

Es ist wie so oft im Leben, dass der einfache Rat nicht der beste ist, und dass man für jede Situation das jeweils richtige Werkzeug finden muss.

Darauf will ich hinaus: Das Gute an der Lektüre solcher Bücher wie “How to win friends and influence people” oder “Getting to yes”, all dieser halbtrivialen Ratgeber eben, ist nicht unbedingt, dass man danach genau weiß, wie man mit anderen Menschen umgehen muss.

Das Gute an solchen Büchern ist, dass man sich daran gewöhnt, vor und in so einem Gespräch zu überlegen, was man will und wie man es am besten erreicht. Und dass man sich angewöhnt, nicht nur auszudrücken, was man selber will und fühlt, sondern auch zu überlegen, was der andere will und wie es ihm geht, und sich zu fragen, was man daraus machen kann. Ich glaube schon, dass vieles einfacher wäre, wenn sich das mehr Leute angewöhnen könnten.

Und so komme ich zu dem vielleicht etwas ungewöhnlichen Ergebnis, dass ich ”How to win friends and influence people” für ein schlechtes Buch halte, aber trotzdem für lesenswert. Wer mag, kann die blöden Anekdoten ja überspringen.


Wondering if there’s a dog

15. September 2010

Ich mag Debatten über Glauben und Theismus nicht, und trotzdem sehe ich sie mir immer wieder an. Das könnte durchaus auch ein Hinweis darauf sein, dass mit mir irgendwas nicht stimmt, aber darum soll es heute mal nicht gehen. Ich möchte lieber darüber schreiben, was mit den Debatten nicht stimmt, und diese hier zwischen dem bekannten Atheisten Christopher Hitchens („God is not great“) und dem katholischen Apologeten Dinesh D‘Souza, die ich am letzten Wochenende gesehen habe, ist ein prima Beispiel dafür:

(Falls ihr keine Lust habt, euch das fast zwei Stunden lang anzusehen, keine Sorge, müsst ihr nicht. Ihr werdet auch so verstehen, worum es mir geht, und falls ihr ein kurzes Beispiel für das wollt, was ich meine, könnt ihr bis 25:50 vorspulen und euch D’Souzas ersten Beitrag anhören. Er geht gleich von Anfang an in die Vollen.)

Es geht heute auch nicht darum, dass Dinesh D’Souza eine verlogene, überhebliche und offenbar krankhaft verblendete Persönlichkeit zu sein scheint, die nicht einmal die Grundlagen von Logik und wissenschaftlicher Methode versteht. Und auch dass es eine sonderbare Idee ist, zwei Journalisten über eine solche Tatsachenfrage debattieren zu lassen, will ich hier nicht näher vertiefen.

Heute geht es mir um den Ablauf der Debatte an sich. Vielleicht liegt es daran, dass ich die falschen Debatten sehe, und ich bin für jeden Tipp dankbar, aber nach meiner Erfahrung läuft es in den Grundzügen doch meistens so:

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Weniger reden, mehr zuhören

27. Februar 2010

Ich finde ja, dass ein guter Teil der viel zu hysterischen Diskussionen in diesem Land vermieden werden könnte, wenn man weniger versessen darauf wäre, seine Meinung zu verteidigen, und mehr versuchen würde, die der anderen zu verstehen. Oder mit den Worten von xkcd:

You don’t use science to prove you’re right. You use science to become right.

In diesem Sinne würde ich mit euch gerne über ein paar Themen sprechen, über die ich in den letzten Tagen nachgedacht habe. Zu manchem habe ich schon eine Meinung, zu manchem wirklich noch nicht. Aber bei allen will ich hier nicht rumkrakeelen und sagen, wie’s richtig ist, sondern ich würd’s gerne von euch wissen. Eure Sichtweise interessiert mich sehr, denn meine eigene kenne ich ja schon. Natürlich kann ich es dabei nicht ganz lassen, auch zu verraten, wohin ich tendiere. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Ich bilde mir aber wirklich nicht ein, die Antworten schon zu kennen. Ehrenwort.

Versuchen wir also gemeinsam mal einen echten Dialog, statt des sonst üblichen Schreiwettbewerbs, bei denen am Ende keiner mehr weiß, worum es eigentlich ging.

  1. Muss natürlich sein: Westerwelle. Ich habe nicht den Anspruch, alles gelesen zu haben, was er so gesagt hat. Aber ich habe seinen Artikel in der Welt gelesen und ihm auch sonst schon hin und wieder zugehört. Und ich frage mich: Woher kommt der Hass? Ist es das Gesamtbild? Oder gibt es tatsächlich einzelne Zitate von ihm, die ich nicht kenne, die die atemberaubende Ablehnung begründen, die ihm zurzeit entgegenschlägt?
    (Um die Sache ein bisschen einzugrenzen: Wir wollen hier nicht darüber diskutieren, ob er mit irgendwas Recht oder Unrecht hat. Ich möchte nur darüber reden, wo er eurer Meinung nach den Bereich der Achtung der Menschenwürde verlassen hat und zum widerwärtigen Hetzer wurde.)
  2. Käßmann. Über die bin ich wirklich noch ganz unschlüssig. Muss man wegen so etwas zurücktreten? Darf man? Ist das ein Vergehen, das nichts mit ihrem Amt zu tun hat? Oder hat sie sich mit diesem Fehler so disqualifiziert, dass sie ihr Amt nicht mehr ausfüllen kann? Verdient der Rücktritt Respekt? Macht er vielleicht sogar das ursprüngliche Vergehen schon wieder wett? Oder ist er nur eine Selbstverständlichkeit und das ganze Hochachtungs-Geschwafel nur Augenwischerei?
  3. Nochmal Käßmann. Einen Schritt zurück. Ich habe so ein Gefühl, dass es unanständig ist, dass diese Verfehlung von ihr dermaßen öffentlich stattfindet. Ein Mensch sollte sowas mit sich ausmachen können. Oder muss die Öffentlichkeit es erfahren, wenn jemand in so exponierter Stellung so entgleist? Wäre es eher unanständig gewesen, die Menschen nicht darüber zu informieren, dass die höchste Repräsentantin der evanglischen Kirche in Deutschland eine… tja, kaum entschuldbare Straftat begangen hat?
  4. Brauchen wir einen öffentlich-öechtlichen Rundfunk in Deutschland? Ist es gut, dass wir einen haben? Darf der auch Sachen ins Internet stellen, oder soll er im Fernsehen bleiben? Wie finanziert man ihn am besten? Sollte es vielleicht sogar eine öffentlich-rechtliche Zeitung geben?

So, ich hoffe, dass da für jeden mindestens ein Thema dabei ist, das ihn interessiert. Ich bin gespannt auf eure Gedanken.


Gib ihm Tiernamen, Heiner

18. Februar 2010

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich mich an der Diskussion um Guido Westerwelles Äußerungen und das ALGII beteiligen möchte. Dann fiel mir auf, dass ich das sowieso schon getan habe. Da mir die Hysterie, mit der diese Diskussion teilweise geführt wird, doch sehr kontraproduktiv vorkommt, versuche ich mich mal an einem etwas gelasseneren, sachlichen Beitrag.

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Won’t somebody please think of the children?

22. Dezember 2009

Vor ein paar Wochen hat unser aller Ethikrat sich dafür ausgesprochen, die so genannten Babyklappen abzuschaffen, also diese kleinen beheizten Briefkästen, in denen Mütter nach der Geburt anonym ihre Kinder abgeben können, wenn sie sich nicht in der Lage sehen, sie zu versorgen.

Daraufhin brach dann ein bisschen Entrüstung los, unter anderem von Seiten der Kirchen, die die Babyklappen befürworten und offenbar der Meinung sind, die Babyklappen müssten unbedingt erhalten bleiben, um das Leben der Kinder zu schützen.

Es gab also diesen Vorschlag des Rates, und es gab Protest dagegen. So etwas wie eine öffentliche Diskussion gab es leider nicht, was ich schade finde, denn das Thema ist eigentlich interessant und wichtig.

Der Ethikrat meint, die Kenntnis seiner biologischen Abstammung sei ein elementares Recht eines jeden Menschen und konstitutiv für das Selbstverständnis.  Deshalb sei es ratsam, die Babyklappen abzuschaffen, da sie ihren Zweck (Verminderung der Kindstötungen) sowieso nicht erfüllt hätten. Ich selbst kann dieses Argument nicht so ganz ernst nehmen, denn ich verstehe die überragende Bedeutung der Kenntnis der Abstammung nicht. Wenn ich von frühester Kindheit an von meinen Adoptiveltern aufgezogen worden wäre, dann wäre die Identität meiner biologischen Eltern meiner Meinung nach für mich ein Gegenstand abstrakter Neugier, wäre mir aber nicht besonders wichtig. Aber vielleicht geht es nur mir so, weil ich ein bisschen komisch bin. Ich will das nicht verallgemeinern.

Die Babyklappenbefürworter jedenfalls widersprechen ganz empört und finden die Idee lebensfern und unmenschlich und können gar nicht verstehen, wie man das Recht auf Leben gegen das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft abwägen könnte. Andre Nahles von der SPD meint zum Beispiel:

„Jedes Kind, das durch eine Babyklappe gerettet oder vor Schaden bewahrt wird, ist ein Argument gegen die Entscheidung des Ethikrates.“

Nun stellen sich mir bei Argumenten, die auf dem “Und wenn nur ein einziger…!”-Prinzip basieren, sowieso immer schon die Nackenhaare auf, aber auch davon abgesehen, ist es nicht so einfach.

Denn der Ethikrat sagt ja eben gerade, dass aus seiner Sicht die Babyklappen keine Kinder retten, sondern es nur leichter machen, sich anonym von ihnen zu trennen. Nach Ansicht des Rates können die Mütter, die ihre Kinder töten oder sterben lassen, sowieso nicht vom Angebot der Babyklappen erreicht werden.  

Was ich damit sagen will: Beide Seiten reden hier anscheinend aneinander vorbei. Es ist ganz gut zu erkennen. Nur die diskutierenden Parteien merken es nicht oder wollen es nicht merken. Das ist aber meiner Meinung nach allgemein so ein Problem, wenn Menschen diskutieren. Jeder wiederholt immer wieder seinen Standpunkt und denkt sich, was für ein Rindvieh der andere doch ist, dass er es nicht endlich einsieht. Und man ist so aufgebracht und so damit beschäftigt, dem anderen zu erklären, warum er offensichtlich im Unrecht ist, dass man gar nicht dazu kommt, ihm zuzuhören.

Meiner Meinung nach ist die entscheidende Frage, ob tatsächlich durch die Babyklappen nennenswert weniger Kinder gestorben sind. Ist das der Fall, dann halte ich das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft für zweitrangig. Ist das nicht der Fall, dann sind die Klappen wohl ein falscher Weg und die Empfehlung des Rates begründet. Vielleicht kann man darüber nicht so schön aufgeregt diskutieren und empörte Sprüche in irgendwelche Mikrofone bellen, aber andererseits hätte man das beruhigende Gefühl, die Debatte voranzubringen und etwas für die Kinder zu tun. Ich mein’ ja nur. Auch wegen Weihnachten und so…


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