A propos Minarette

1. Dezember 2009

Damit es nicht heißt, ich würde hier nur auf der Schweiz herumhacken:

Art. 139 WeimVerf (Bestandteil des Grundgesetzes gemäß Art. 140 GG): „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“

So ist das nämlich. Bei uns ist es verfassungswidrig, wenn der Staat seinen Bürgern nicht verbietet, an vier Sonntagen hintereinander ihre Geschäfte zu öffnen. Wegen der seelischen Erhebung. Bloß gut. Ich kenne ein paar Leute, die Sonntags arbeiten müssen, und ich kann euch sagen, die sind seelisch so dermaßen nicht erhoben, das ist echt unschön.

Gut, den Polizisten, Stewards, Kellnern, Köchen, Tankwarten, Krankenpflegern, Feuerwehrleuten, Taxifahrern, Beleuchtern, Kinomitarbeitern, Bahnangestellten, Ärzten, Bademeistern, Fitnesstrainern, Busfahrern, Straßenreinigern, Bäckern, Kraftwerksmitarbeitern, Justizbeamten, Tierpflegern, Journalisten, Elektrikern, Heizungsmonteuren, Pizzaboten, Call-Center-Agents und zahllosen anderen Leuten nützt es nichts, dass das BVerfG jetzt das Berliner Ladenschlussgesetz als teilweise verfassungswidrig eingestuft hat, aber wenigstens können sie sich darüber freuen, dass die Seelen der Einzelhandelsverkäufer nicht mehr in Gefahr sind. Ausgenommen natürlich die, deren Geschäfte sich in Bahnhöfen oder Flughäfen oder so befinden, die müssen trotzdem arbeiten. Aber immerhin. Also, die meisten Einzelhandelsverkäufer dürfen jetzt nicht mehr an vier Sonntagen nacheinander arbeiten. Und da sage noch mal einer, die christlichen Kirchen würden nichts für uns tun.

Ich habe aber noch einen Vorschlag, den ich den Kirchen hiermit gerne nahebringen würde. Es gibt da nämlich eine Berufsgruppe, die schon seit Ewigkeiten dazu verpflichtet ist, am Sonntag zu arbeiten, obwohl das nicht dringend erforderlich ist. Und die Kirchen hätten es in der Hand, dem ein Ende zu machen. Es wäre ganz leicht. Sie müssten dafür niemanden verklagen, und sie bräuchten kein Gesetz und keine Verfassung. Insbesondere die katholische Kirche könnte aufgrund ihrer zentralistischen Struktur sogar weltweit ohne große Mühe dafür sorgen, dass Tausende Priester und Ministranten den Sonntag so verbringen können, wie Gott es sich mal gedacht hat: Als Tag der Arbeitsruhe, und ohne andere Leute mit unnötigem Lärm zu belästigen.


Wer hat’s erfunden?

30. November 2009

Liebe Schweizer,

ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Ich bin ein bisschen verwirrt. Deswegen fange ich einfach mal so an:

Liebe Schweizer,

habt ihr eigentlich ganz gewaltig die Pfanne heiß oder was ist da bei euch los?

Ich meine, sicher, ich bin gegen alle Religionen, egal ob Christentum, Zoroastrismus oder eben Islam. Aber ich bin auch gegen „Twilight: New Moon“ und will trotzdem nicht in einem Land leben, in dem so ein Film verboten würde.

Ich war eigentlich immer auf eurer Seite. Euer Bankgeheimnis fand ich cool, und dass ihr es so lange nicht aufgeben wolltet, obwohl alle gegen euch waren, das hatte Stil. Auch dass ihr keine Partei ergreift und euch international aus allem raushaltet, das finde ich gar nicht so schlecht. Ihr wart sogar einer der wenigen Staaten, die uns damals nicht den Krieg erklärt haben. Aber irgendwann ist auch mal gut, meint ihr nicht auch?

Und jetzt mal ehrlich, liebe Schweizer, von allen inhaltlichen Problemen mit eurer gestrigen crazy Volksabstimmung mal abgesehen:

„Der Bau von Minaretten ist verboten.“ In der Verfassung? Das meint ihr doch nicht ernst. Welche Verfassungszusätze habt ihr noch in Planung? „Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen“ und „Tanzen ist illegal“?

السلام عليكم

Euer Muriel


Yes, Virginia

23. November 2009

„Lieber Muriel,
ich bin 8 Jahre alt.
Einige meiner kleinen Freunde sagen, es gebe keinen Weihnachtsmann.
Papa sagt: „Wenn es bei überschaubare Relevanz steht, dann ist es auch so.“
Bitte sag mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?“
Virginia O’Hanlon

Virginia, deine kleinen Freunde haben Unrecht. Sie haben sich beeinflussen lassen von pseudokonsumkritischem Gefasel und religiösem Firlefanz. Sie sehen nicht, was sie nicht glauben.

Manche Menschen können sich nicht vorstellen, etwas Gutes zu finden in dem, was nicht zu ihren kleingeistigen Überzeugungen passt. Ihnen gefällt nicht, wie andere das Weihnachtsfest feiern, und ihnen fällt darauf keine bessere Antwort ein, als an einem Namen und einem Symbol herumzumäkeln. Sie stören sich daran, dass Weihnachten ein Fest des Konsums sei, und glauben im Ernst, daran etwas ändern zu können, wenn sie einen jovialen, dicken Mann im rotweißen Mantel gegen einen etwas weniger jovialen und etwas weniger dicken Mann im Bischofsgewand eintauschen.

‘Wieso tauschen?’ magst du dich jetzt vielleicht fragen, ‘Der Weihnachtsmann und der Nikolaus sind doch eigentlich das Gleiche, oder nicht?’ Vielleicht ist es an der Zeit für eine kleine Begriffsklärung, um den Unterschied zwischen den beiden zu erläutern:

Der eine von ihnen ist eine Kunstfigur, ein Hohlkörper, der von profitgierigen Ausbeutern erfunden wurde, die vor nichts zurückschrecken, um ihrer rücksichtslosen Geschäftemacherei ein menschliches Antlitz zu verleihen. Er dient keinem anderen Zweck, als ahnungslosen Leuten ihr Geld aus den Taschen zu ziehen. Der andere ist der Weihnachtsmann.

Der Nikolaus zieht sich außerdem anders an. Das liegt daran, dass er einem mächtigen Funktionär einer Organisation nachempfunden ist, die den Menschen seit Jahrtausenden [Edit, 24. 11. 2009 um 23:20 mit Dank an theomix für den Hinweis] rund 2000 Jahren Lügen und falsche Hoffnung teuer verkauft. Diese Organisation stellt ihn heute gerne als Wohltäter dar, weil er einen kleinen Teil des ergaunerten Reichtums verschenkt haben soll.

Der wesentliche Unterschied besteht also darin, dass der Weihnachtsmann kein Kirchenmitglied ist und nicht danach strebt, Kinder näher zu Gott zu bringen. Das ist in Ordnung so. Wenn du nicht näher zu Gott willst, Virginia, dann hat niemand das Recht, dir etwas anderes einzureden.

Ja, Virginia, es gibt den Weihnachtsmann. Es gibt ihn so sicher, wie es Liebe, Großzügigkeit und Hingabe ganz ohne Religion gibt. Du weißt, dass es sie gibt, und dass man keinen Gott braucht, um sie zu fühlen, und sich von ihnen bereichern zu lassen.

Wie traurig wäre diese Welt ohne den Weihnachtsmann? Eine Welt, in der hübsche Ideen abgelehnt werden, weil sie nicht in die kirchliche Mythologie passen? Diese Welt wäre genauso trostlos wie eine Welt ohne Virginias.

Kein Weihnachtsmann! Pah! Er lebt, und er lebt für immer! Tausend Jahre, ach was, zehn mal zehntausend Jahre von heute an, wird er noch immer die Herzen von Kindern mit Freude füllen, und ihre Gläser mit einem süßen Erfrischungsgetränk.

Eine frohe Weihnacht, Virginia, feiere sie so kommerziell oder so romantisch, wie es dir gefällt.

Virginia? Hörst du noch zu? Nicht? Gut. Die Tante hier und ich haben nämlich gerade noch mal was zu besprechen: Frau Ruge, diesen Satz meinen Sie doch wohl nicht ernst, oder?

Wer einmal die glänzenden Augen von Kindern gesehen hat, wenn sie einen „echten“ Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab erleben, der kann immerhin hoffen, dass diese Kinder sich nicht mehr mit dem Geschenkeonkel der Konsumindustrie zufrieden geben mögen.

Wollen Sie uns wirklich weismachen, Kinder ließen sich von einer Mitra und einem Bischofsstab begeistern, und das hätte dann irgendwas mit „innerem Reichtum“ zu tun? Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ach ja. Zu spät.


Äh… Im Ernst?

6. November 2009

Ich habe da so ein schickes kleines Mikrowellen-Backofen-Kombigerät von Samsung, das sogar Testsieger bei der Stiftung Warentest war und bei „Handhabung“ eine 1,4 bekommen hat. Ich bin sowohl mit dem Design als auch der Funktion sehr glücklich. Mit einer nebensächlichen, aber dennoch für mich unfassbaren Ausnahme.

Heute wurde es mir zu dumm, im Kopf immer eine Stunde abzuziehen, und ich beschloss, dass es Zeit wurde, die Umstellung auf Winterzeit an meinem Mikrowellenherd vorzunehmen. Ich betrachtete eine Weile nachdenklich das Tastenfeld, fand keine geeignete Taste und begann daher, willkürlich auf den anderen herumzudrücken. Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht weiterkam, und ich kramte die Betriebsanleitung hervor, um nachzuschlagen. Dort steht drin, wie man nach Stromausfällen und bei der ersten Inbetriebnahme die Uhrzeit einstellt, nämlich durch einfaches Drehen des Bedienungsrädchens und abschließenden Druck auf die Starttaste. Wie es im Normalbetrieb geht, wird nicht verraten. Und dann steht da noch, wie zum Hohn, dass man bitte nicht vergessen soll, die Umstellung auf Sommer- und Winterzeit von Hand vorzunehmen, weil das Gerät die nicht automatisch durchführt.

Ich nahm Google zu Hilfe und stellte fest, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin, und dass es offenbar wirklich nicht anders geht, als den Stecker rauszuziehen und kurz zu warten. Was ziemlich blöd ist, wenn man das Ding im Schrank stehen hat.

Es ist also nicht einfach so, dass Samsung nicht erkannt hätte, dass man gelegentlich die Uhr umstellen muss. Das belegt ja der Hinweis auf die Sommer- und Winterzeit. Offenbar hat irgendjemand bei Samsung einfach trotzdem entschieden, dass es total unnötig ist, eine entsprechende Funktion in das Gerät einzubauen. Um es mit Stefan Raab zu sagen: Was war da denn los? Man weiß es nicht.


Frisch, fromm, fröhlich, Käßmann

28. Oktober 2009

Ich wollte ein bisschen nörgeln, aber ich war mir nicht sicher, wie und worüber.

Denn einerseits ist es natürlich gerechtfertigt, dass unsere Medien heute ausführlich darüber berichten, dass eine der zwei großen Kirchen Deutschlands eine neue Vorsitzende gewählt hat. Sicher ist das irgendwie eine Meldung, und sicher ist es durchaus nicht uninteressant, wem knapp 25 Millionen Deutsche ihr Seelenheil anvertrauen und wer diese 25 Millionen Deutschen zukünftig in Glaubensfragen repräsentieren darf.

Andererseits ärgere ich mich einfach immer wieder darüber, dass die Kirchen in Deutschland einfach kraft ihrer scheinbaren gesellschaftlichen Durchdringung in mehrerer Hinsicht über einen Einfluss verfügen, der ihnen meiner Meinung nach kein bisschen zusteht.

Die EKD ist ein Verein, dessen Mitglieder durch die abenteuerliche Annahme verbunden sind, dass die Welt von einem allmächtigen und allwissenden Wesen erschaffen wurde, das vor rund 2000 Jahren mit einer menschlichen Frau einen Sohn zeugte, um die Menschheit von ihren Sünden zu befreien, indem dieser von besagter Menschheit zuerst gefoltert und dann grausam getötet wurde, um ihnen dann hinterher vergeben zu können.

Trotzdem erhalten die Repräsentanten dieses Vereins in unschöner Regelmäßigkeit eine öffentliche Plattform, um ihre mal mehr, mal weniger abstrusen Ansichten zu diversen wichtigen Themen zu äußern, obwohl diese Ansichten sich in der Regel auf zwei Bücher gründen, die Jahrtausende alt, in sich widersprüchlich und nach allem menschlichen Ermessen von hochgradig Bekloppten geschrieben wurden. Ungeachtet dieser kleinen Indizien gegen ihre Relevanz werden die beiden Bücher von den Vereinsmitgliedern für die ewige und einzige Grundlage von Moral und Recht gehalten. Warum also dürfen die dabei sitzen, wenn sich andere Leute ernsthaft unterhalten wollen?

Sogar beim Rückhalt in der Gesellschaft kann man meiner Meinung nach durchaus an den Kirchen zweifeln. Nicht ganz die Hälfte der Deutschen glaubt überhaupt an Gott – obwohl zugegebermaßen auch nur ein Viertel sich dem Atheismus zuordnet -, und Gottesglaube ist ja nun noch lange nicht identisch mit Kirchentreue. Abgesehen davon, dass es auch noch andere Kirchen gibt als die christlichen, behaupte ich mal völlig furcht- und quellenlos, dass maximal ein Drittel der Kirchenmitglieder ihren Glauben wirklich ernst nimmt. Wir dürfen nicht vergessen, dass man dort einfach per Taufe Mitglied wird und dann austreten muss, was nach meiner Erfahrung viele nur deshalb nicht tun, weil sie keine Lust haben, sich dafür zu rechtfertigen, oder weil sie es so nett finden, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Wirkliche Kenntnis und Überzeugung von der christlichen Glaubenslehre ist da zumindest unter meinen Bekannten sehr, sehr, sehr selten zu finden.

Oder um es anders zu sagen: Die Leute von 7 Tage, 7 Köpfe (Gibt es das eigentlich noch?) verdienen in meinen Augen ähnlich viel Respekt und Raum für ihre Meinung zu Gentechnik, Abtreibung, Verhütung und Ethik wie die Repräsentanten dieser anderen Comedy-Truppe, die genausowenig lustig ist, und dafür noch anmaßend, selbstgerecht und bigott.


Liebe Marketingstrategen

24. Oktober 2009

…von Amazon.de, Conrad, UCI Kinos und vielen anderen Unternehmen, wie mir was verkaufen wollen,

wahrscheinlich stellt ihr euch das ungefähr so vor:

„Wenn Muriel Silberstreif sieht, dass sein voller Name in der Betreffzeile einer E-Mail steht, dann kann er gar nicht anders, als das für eine total individuelle und persönliche Mail zu halten, die nur für ihn gedacht ist, und er kann sich im Grunde gar nicht gegen den Reflex wehren, das Ding zu öffnen, komplett durchzulesen und alles was darin steht, für die reine Wahrheit zu halten.“

Ich gehe davon aus, dass ihr SMS an eure Freunde ungefähr so schreibt:

„Hallo Karl-Heinz Unterberg, ich habe eine persönliche Nachricht für dich!!! Wollen wir uns Sonntag zum Brunch treffen?“

Und Beziehungsgespräche fangen bei euch wahrscheinlich mit den Worten an:

„Melanie Kruse, deine Meinung ist mir wichtig!!“

Tja, ich habe da eine schlechte Nachricht für euch: Kein Mensch redet einen anderen Menschen in einer im weitesten Sinne natürlichen Situation mit seinem vollen Namen an, und wirklich kein Mensch schreibt jemals den Namen seines Adressaten in die Betreffzeile! Deswegen kann es sich in solchen Fällen nur um dreiste, aufdringliche Werbemails handeln, deren Verfasser noch so unverschämt ist, mich mit einer völlig schwachsinnigen Aufmerksamkeitsfalle zu beleidigen. Ich habe nur deshalb noch keine feste Regel für Outlook eingerichtet, derartige Mails sofort zu löschen, weil ich manchmal das Gefühl der Überlegenheit genieße, wenn ich sie manuell in den Papierkorb schiebe.

Schreibt doch einfach stattdessen mal einen echten Betreff in das Betreff-Feld. Dann lese ich vielleicht auch hin und wieder, was ihr mir mitzuteilen habt.


Na diese Dings, Sie wissen schon

22. Oktober 2009

Vor einer Weile hat Malte Welding anlässlich der berühmten „Onlinecommunitybenutzer“-Rede einer gewissen Frau Noll einen sehr netten Beitrag geschrieben, in dem er die Frage stellte: „Warum um Gottes Willen ist es [...] so unfassbar schwer, über das Internet nicht in teils völlig ungebräuchlichen, teils aber auch grundbeknackten Begriffen zu reden?“

Die Frage ist berechtigt, aber das Problem ist keinesfalls auf das Thema Internet und Computer begrenzt. Ebenfalls sehr verbreitet ist es in den Themenkreisen Physik und Astronomie, wie ich kürzlich wieder am Beispiel einer eigentlich ganz interessanten Sendung des Deutschlandfunks feststellte. (Für die Onlinecommunitybenutzer unter uns: Das ist Radio.)

Es geht knapp zusammengefasst darum, dass die NASA festgestellt hat, dass der Sonnenwind sich von der Sonne aus nicht grob kugelförmig ausbreitet, wie man bisher dachte, sondern ganz anders. Ein bisschen wie eine Erdnuss, von der Form her. Der interviewte Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen sagte dabei die folgenden Sätze:

„Und dieser Satellit [ibex] kreist um die Erde herum, auf einer ganz skurrilen Bahn, braucht eine Woche dafür und kommt fast bis hinaus in Mondentfernung. Und der hatte ein Messgerät an Bord, das misst neutrale Atome, die in dieses Gerät einschlagen. Und diese neutralen Atome, die entstehen ganz weit draußen, dort am Rand dieser Sonnenblase, dieser erdnussförmigen Sonnenblase. Da wird aus geladenen Teilchen neutrale Atome. Und manche davon fliegen zurück in das Sonnensystem, das kann man messen mit diesem Nasa-Satelliten.“

Wir unterhalten uns hier mal nicht über den Grammatikfehler, der es sogar bis in die transkribierte Internetfassung des Interviews geschafft hat, sondern über den Teil mit den neutralen Atomen. Dirk Lorenzen hat damit anscheinend nicht direkt Unrecht. Aber er hat es meiner Meinung nach trotzdem ausgesprochen irreführend erklärt.

  • Erstens klingt das so, als wären neutrale Atome etwas verdammt Exotisches, was „ganz weit draußen“ entsteht. Das ist natürlich Unsinn. Elektrische Neutralität ist meines Wissens der Normalzustand eines jeden Atoms.
  • Zweitens hat er etwas ganz Wichtiges weggelassen: Es geht nicht um irgendwelche neutralen Atome, sondern um sogenannte „Energetic Neutral Atoms (ENA)„, also energiereiche (vulgo schnelle) neutrale Atome, die tatsächlich im Randbereich der Blase aus magnetisch beschleunigten geladenen Teichen entstehen.
  • Drittens hat diese total irre crazy skurrile Bahn des Satelliten genau dieselbe Form wie jede andere anständige Umlaufbahn, nämlich eine Ellipsenform. Ungefähr so.

Wie seht ihr das: Bin ich einfach kleinlich, oder ärgere ich mich zu Recht darüber, dass ein öffentlich-rechtlicher Kultur- und Informationssender es nicht auf die Reihe kriegt, wissenschaftliche Entdeckungen so zu erklären, dass die Zuhörer hinterher wirklich ein bisschen verstanden haben, was die NASA da gemacht hat?


Kopierschutz

16. Oktober 2009

Warum zur Hölle tut Windows sich eigentlich so schwer damit, Dateien zu kopieren? Gibt es das Problem bei Apple auch? Und was denken die sich eigentlich dabei?

Immer, wenn man mal größere Datenmengen zu sichern hat, passiert es unweigerlich früher oder später: Windows gibt so eine Meldung aus wie „Die Datei Festgemauert_in_der_Erden_steht_die_Form_aus_Lehm_gebrannt_Heute_muss_die_Glocke_werden… kann nicht kopiert werden, weil der Dateiname zu lang ist“, oder sowas Ähnliches. Meistens passiert es später, ungefähr fünf Minuten, nachdem man weggegangen ist, nämlich, sodass man es erst nach ein paar Stunden merkt, wenn man zurückkehrt, und der Kopiervorgang schon lange fertig sein sollte. In Ordnung, könnte man denken, kein Akt, dann kürzt man den eben, oder lässt die Datei aus, die braucht ja eh kein Mensch, was war das überhaupt noch mal für ein Quatsch? 

Falsch gedacht!

Die einzige Möglichkeit, die man hat, ist der Klick auf „OK“, und der führt dazu, dass der gesamte Kopiervorgang abgebrochen wird. Nun hat man noch die Wahl, ob man gerne manuell nachsehen will, welche Dateien schon übertragen wurde, um dann nur noch die fehlenden neu zu kopieren – tunlichst unter Auslassung der zu langen -, oder ob man den Vorgang einfach komplett neu startet, wobei man trotzdem natürlich die Störer aussortieren muss.

Das führt nicht nur dazu, dass so ein Kopiertvorgang mindestens doppelt so lange dauert, wie er eigentlich sollte, sondern garantiert außerdem, dass einem irgendwelche Daten doch durch die Lappen gehen, und dann ist das Geschrei nachher wieder groß.

Ich habe mir vom Computerfachmann meiner Wahl sagen lassen, dass es da eine kostenpflichtige Software gebe, die dieses Problem beheben soll, indem sie einem beim Kopieren die Möglichkeit biete, einzelne Dateien zu überspringen. Ich weiß auch, dass es Backup-Softwar wie Acronis True Image gibt, aber manchmal will man eben nicht erst was Neues installieren, und wie schwer kann das eigentlich sein, so eine Funktion in ein Betriebssystem einzubauen? Oder sogar eine, die solche Probleme automatisch behebt? Soll die blöde Datei doch in Festgemauert~.doc umbenannt werden, solange sie hinterher noch da ist. Ich denke, das unbegrenzte fehlerfreie Kopieren sei die große Errungenschaft des Computerzeitalters! Was ist denn nun damit?

Boah. Alles muss man selbst machen.


Evidentes Einsparpotential

12. Oktober 2009

Nicht jede Einsparung ist gut, aber hier hätte ich zwei Vorschläge, an denen ich wirklich keine Nachteile erkennen kann. Es geht dabei nicht nur um gespartes Geld, sondern auch um die viel kostbarereren Ressourcen Zeit und Nerven:

  1. Für die Bauknecht Hausgeräte GmbH:
    Ich habe letzte Woche bei Ihnen angerufen, weil mein neues Kochfeld nicht funktioniert. Wir haben dann einen Termin für Freitag, 12 bis 18 Uhr vereinbart, und Sie haben mir versprochen, dass Ihr Techniker eine Viertelstunde vorher anruft, damit ich nicht den ganzen Tag auf ihn warten muss, sondern eben schnell nach Hause fahren kann, um ihn reinzulassen.
    Ich nahm also für diesen Tag keine Termine an, legte mir im Büro alles so zurecht, dass ich jederzeit überstürzt aufbrechen konnte und packte auch noch nicht für den Wochenendausflug, weil ich ja eh noch mal zurückkommen musste.
    Um 1237 klingelte dann mein Telefon, und es war Ihr Techniker dran, er stehe direkt vor meiner Haustür. Das sei jetzt natürlich dumm für ihn, sagte ich, dass er nun eine Viertelstunde auf mich warten müsse. Oh, sagte er, stimmt ja, er hätte ja anrufen sollen, das habe er ganz vergessen. Das mit dem Warten sei ganz schlecht, weil er noch einen ganz dringenden Termin habe. Das sei aber gar nicht schlimm, weil sowieso die Steuerelektronik ausgetauscht werden müsse, und damit er die bestellen könne, brauche er sowieso nur die Seriennummer, und die könnte ich ihm ja einfach telefonisch durchgeben. Wäre aber gut, wenn ich mich trotzdem beeilen würde, er müsse nämlich beim Abarbeiten seiner Termine die richtige Reihenfolge einhalten.
    Ich wünschte mir in diesem Moment, ich könnte via Telefon so einen Karnevalstusch einspielen, um besonders gelungene Pointen zu kennzeichnen. Da ich aber sowieso noch zum Packen nach Hause musste und mir nicht nach Streit war, erfüllte ich ihm seinen Wunsch.
  2. Für einen Kunden, dessen Namen ich hier zum Schutze der Unschuldigen verschweigen will:
    Wir haben über die letzten Wochen verteilt geschätzte zwei Stunden miteinander telefoniert, in denen Sie mir immer wieder erklärten, Sie wären irgendwie vage unzufrieden, weil Sie sich alles ein bisschen anders vorgestellt hätten, aber Sie wussten auch nicht so genau, was wir ändern könnten, damit Sie sich wohler fühlen.
    Heute riefen Sie wieder an, und es dauerte noch mal eine halbe Stunde, bis Sie sich nach ziemlich ausführlicher Einleitung („Ich war ja früher mal Führungskraft bei der Bahn, mir ist darum auch klar, dass man als Unternehmen auch die Wirtschaftlichkeit beachten muss, aber…“) zu einer Forderung durchgerungen hatten, nämlich der, dass Sie nicht 247,- EUR bezahlen wollen, sondern nur 200,- EUR.
    Sie konnten dann nicht verstehen, warum ich nicht sofort begeistert zustimmte, denn schließlich hätte Ihre Logopädin auch kürzlich ganz fix auf telefonischen Hinweis eine Rechnung korrigiert, die versehentlich zu hoch ausgefallen war. Ich habe versucht, Ihnen zu erklären, dass ein wichtiger Unterschied darin besteht, dass unsere Rechnung nicht versehentlich zu hoch ausgefallen, sondern aus unserer Sicht völlig angemessen ist. Sie schienen mir nicht richtig zuzuhören.
    Nach einer weiteren halben Stunde hatten Sie mich dann so weit, dass ich wusste, wenn ich noch zehn Minuten mit Ihnen rede, springe ich aus dem Fenster. Weil ich das so lieber nicht sagen wollte, erklärte ich mich bereit, Ihnen aus Kulanz 47,- EUR gutzuschreiben.
    Wir beendeten das Gespräch. Ich schrieb einen Brief an Sie, stornierte die alte Rechnung und verfasste eine neue, packte das alles ein und warf es in den Briefkasten. Fünf Minuten später riefen Sie wieder an. Zwanzig Minuten brauchten Sie, um mir zu erklären, dass Sie doch lieber 247,-EUR bezahlen wollen, weil Sie das Gefühl hätten, wir hätten das Gefühl, Sie wollten uns übervorteilen, und das gefiele Ihnen nicht. Ich dachte in diesem Moment wieder an diesen Karnevalstusch, den ich mir dringend mal herunterladen muss. Ich versuchte Sie noch kurz zu überzeugen, dass wir es wirklich gerne bei der getroffenen Übereinkunft belassen könnten, aber damit löste ich nur einen neuen Wortschwall von Ihnen aus, dessen Sinn sich mir leider nicht erschloss. Am Ende einigten wir uns darauf, dass Sie sehr unzufrieden mit uns sind, ohne dass Sie so recht zu artikulieren vermochten, was wir falsch gemacht haben, dass Sie aber trotzdem darauf bestehen, den vollen Preis zu bezahlen.

    Das hätten wir uns sparen können.


Vom Missbrauch des Rechtsstaates

9. Oktober 2009

Dieser Beitrag ist nicht nur für das Fellmonster. Ich habe das Bedürfnis, einmal mein fassungsloses Staunen über die Vorgänge in der italienischen Regierung in Worte zu gießen. Da wird also so ein Komiker zum Ministerpräsidenten gewählt, obwohl er offenbar über den Charakter und die Integrität einer durchschnittlichen Brühwurst verfügt, weil er eben in den Medien ganz gut dargestellt wird. Die gehören ja auch ihm, wen wundert’s? So weit, so gut, das hätte noch in jedem anderen Land auch passieren können. Dann wird er der Steuerhinterziehung und der Korruption bezichtigt. Naja. Nicht gut, aber auch nicht unbedingt völlig unvorstellbar. Aber wie es dann weitergeht, das hätte ich für einen dummen Witz gehalten, wenn es mir vor ein paar Jahren jemand erzählt hätte:

Der Ministerpräsident regt an, dass man doch mal ein Gesetz erlassen könnte, das die Inhaber der fünf höchsten Staatsämter vor Strafverfolgung schützt. Schließlich würde das die Arbeit ja wesentlich erleichtern, wenn man sich nicht permanent mit diesen lästigen Staatsanwälten herumschlagen muss. Dem Parlament leuchtet diese Argumentation sofort ein, und das gewünschte Gesetz wird verabschiedet. Hoppla, wird der Ministerpräsident in diesem Moment gedacht haben, ich merke gerade, dass ich mir dann ja auch keine Sorgen mehr machen muss wegen meiner eigenen Strafverfahren. Was für ein Glück! Oder eigentlich göttliche Fügung, denn als guter Katholik glaubt man wohl nicht an Glück.

Eine Zeitlang geht das gut, bis niederträchtige linksextreme Verfassungsrichter in einem offensichtlichen Versuch, dem Gottkönig Ministerpräsidenten aus rein persönlicher Animosität zu schaden, das Gesetz für verfassungswidrig erklären, unter Vorbringung fadenscheinigster Argumente wie der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz.

Dieses widerwärtige Exempel für den Missbrauch des Rechtsstaates zur Durchsetzung egoistischer Interessen kann der Ministerpräsident natürlich nicht bestehen lassen, deshalb fragt er beim Parlament nach, ob es nicht möglich wäre, ein zweites Gesetz zu erlassen, das im Grunde genauso ist wie das erste, außer dass es diesmal nur um die vier höchsten Ämter geht. Natürlich, machen wir, sagte das Parlament, und verabschiedete das neue Gesetz.

Alles hätte jetzt gut sein können, denn der Ministerpräsident hatte wirklich alles getan, um jeden Zweifel an seiner Verfassungstreue zu beseitigen. Um sicherzustellen, dass auch der kleinste Anschein einer Vermischung von politischer und geschäftlicher Aktivität vermieden wurde, schlug er sogar ein Gesetz vor, das jede solche persönliche Vorteilsnahme komplett ausschloss, weshalb er, äh, als einzige Maßnahme seinen Rücktritt als Präsident des Fußballvereins AC Mailand erklären musste. Wer Berlusconi aber beispielsweise aufgrund der europarechtswidrigen gesetzlichen Rettung eines seiner eigenen Fernsehsender, der Umstellung kartellrechtlicher Vorschriften zugunsten seiner eigenen Monopolstellung oder der zielgerichteten Lockerung von Strafvorschriften zur Bilanzfälschung zu unterstellen vermag, er hätte da vielleicht eher an sich selbst gedacht als an gute Politik, der ist doch sowieso ein Nazi schöner als intelligent ein Schelm.

Natürlich war trotzdem nicht alles gut. Die egoistischen, pflichtvergessenen, im doppelten Wortsinne linken Verfassungsrichter haben es nämlich in unbegreiflicher Dreistigkeit gewagt, auch das neue Immunitätsgesetz für verfassungswidrig zu erklären. Kein Wunder, dass dem Ministerpräsidenten da der Geduldsfaden riss.

Da ist es doch eigentlich klar, dass in Italien politisch alles drunter und drüber geht und die Regierung nicht richtig funktioniert, wenn der erste Mann im Staate sich permanent der Angriffe impertinenter Majestätsbeleidiger erwehren muss, statt sich ordentlich um seine zahlreichen Mätressen politischen Verpflichtungen kümmern zu können. Viva Italia, viva Berlusconi!