Vor Kurzem stellte ich fest, dass in meiner Sporttasche nur noch ein einzelner linker Sportschuh steckte. Der rechte war nirgends in meiner Wohnung zu finden, und im Auto auch nicht. Ich rief also das Fitnessstudio meiner Wahl an, um zu fragen, ob jemand einen schwarzen rechte Asics-Schuh gefunden hatte.
Die freundliche junge Dame am Telefon sagte mir, es gebe in der Herrenumkleide einen Behälter mit Fundsachen. Ihr Stimme klang ein bisschen belegt, als sie das sagte. Da müsste ich aber selbst nachsehen. Sie könnte das auf keinen Fall für mich tun. Sie würde mir da zwar echt gerne helfen, aber wenn sie das so machen würde, würde sie den ganzen Tag nur zwischen dem Telefon und den Fundsachen hin und her laufen. Sie kicherte ein bisschen zu schrill. Deswegen ginge das leider nicht. Tue ihr wirklich Leid. Ich konnte die Angst in ihrer Stimme hören.
Vielleicht wollte sie mir wirklich helfen. Aber dass sie das nicht tat, hatte ganz bestimmt nichts mit der Flut von Anrufen zu tun, mit der sie sonst nicht fertig werden würde. Ich wusste das, und sie wusste es natürlich auch. Ich habe es trotzdem dabei belassen. Ich bin ja sowieso öfter dort.
Gestern war es wieder soweit. Ich betrat die Umkleide und sah so eine Art hellgrüner Plastiktonne mit blauem Deckel, die mich neben den Waschbecken bereits erwartete. Ich hatte sie schon öfter gesehen, mit ihrem kleinen laminierten Schild, auf dem „Fundsachen“ stand, und hatte mir nie viel dabei gedacht; außer, dass ich die Leute bemitleidete, die darin etwas suchen mussten. Heute war ich einer dieser Leute.
Ich atmete tief durch. Und öffnete mit kaltem Schweiß auf der Stirn und zitternden Händen den Deckel. Ein Schwall warmer feuchter Luft erhob sich aus dem Abgrund. Ich hatte den Atem angehalten, aber das half nicht viel. Ich verfluchte mich selbst, weil ich nicht daran gedacht hatte, Handschuhe mitzubringen. Ganz oben lag eine dicke Schicht von klebrigen schmierigen Handtüchern. Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie lange die schon da drin vor sich hin gärten. Dann kam eine zugebundenene Plastiktüte, die mit irgendetwas schwammig weichem Klumpigem gefüllt war. Es folgte eine Lage schweißnasser dreckiger Socken und schließlich die Schicht mit den Schuhen. Ich war mir in dem Moment schon nicht mehr sicher, ob ich meinen überhaupt wieder haben wollte.
Ich werde diesen Schuh in Zukunft mit völlig anderen Augen sehen. Und ich weiß jetzt, dass es wirklich versteckte Eingänge zur Hölle gibt.
24. Juni 2009 um 19:39
Nichtwiederhabenwollen
Das erinnert mich an meinen Kindergarten, der in einem sozialen Brennpunkt lag. Ich hatte da dieses kleine silberne Fahrrad, das eines Tages nicht mehr da war: Geklaut. Ich stellte mir böse Menschen vor, die fortan auf dem kleinen Rad herumfuhren – war bitterböse und tottraurig.
Ein paar Tage später stand das kleine silberne Fahrrad dann auf einmal wie von Geisterhand wieder da. Und ich? War ich überglücklich? Überhaupt nicht! Ich wollte das kleine silberne Fahrrad nicht mehr haben, weil die bösen Menschen damit herumgefahren sind…
24. Juni 2009 um 19:42
Das ist aber eine traurige Geschichte. Kannst du uns noch ein Happy End geben?
24. Juni 2009 um 20:38
Soweit ich mich erinnere, ist das kleine silberne Fahrrad dann auch wieder verschwunden, als es nicht mehr gewollt war. Kurz darauf fuhr ich ein kleines größeres Rad, für das ich viel zu klein war.
10. Juli 2009 um 17:43
Vielleicht ein Happy End in dieser Art http://www.youtube.com/watch?v=3BcT_GSUua0&feature=channel_page ! Das wär auf jeden Fall lustiger!
11. Juli 2009 um 21:51
Ja, das wäre wohl wirklich lustiger. Schade, dass es nicht so passiert ist.