Kürzlich habe ich in einem Artikel zu den Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg geschrieben:
“Ich denke nicht, dass Geistliche generell schlechte Menschen sind. Ich halte sie für intellektuell unehrlich, entweder gegenüber sich selbst oder gegenüber anderen. Aber ich bin nicht der Ansicht, dass sie schlechte Menschen sind. Es gibt bestimmt sehr viele sehr sympathische Geistliche, die sicher viel Gutes tun.”
Ich habe das getan, um deutlich zu machen, dass ich keinesfalls der Meinung bin, jeder Geistliche wäre zwangsläufig ein krimineller Menschenfeind oder zumindest ein potentieller Kinderschänder. Bin ich nämlich wirklich nicht. Trotzdem wurmt mich dieser Absatz, seit er da steht, weil er ein bisschen so klingt, als fände ich es gut, dass es Geistliche und Kirchen gibt. Finde ich nämlich überhaupt nicht. Organisierte Religion baut darauf auf, Menschen durch gezieltes Verbreiten der Unwahrheit zur Unmündigkeit zu erziehen und dafür Geld von ihnen zu verlangen.
Dieser Vorwurf ist nun ziemlich generalisiert und kann unmöglich im selben Umfang auf jede einzelne religiöse Organisation dieser Welt zu treffen. Bei Scientology ist es sehr offensichtlich, beim Buddhismus vielleicht ein bisschen weniger. Um es mir und euch ein bisschen leichter zu machen, wähle ich ein konkretes Beispiel, und zwar die römisch-katholische Kirche, die hier in Deutschland meines Wissens noch immer die meisten Mitglieder hat. Diese Organisation behauptet, die Lehren Jesu Christi verbreiten zu wollen. Sie wird geleitet von jemandem, der sich als Statthalter Gottes auf Erden sieht und gelegentlich gerne mal was mit dem Anspruch verkündet, unfehlbar zu sein. Sie ist die reichste Privatorganisation der Welt. Sie verfügt über ihren eigenen theokratisch organisieren Staat. Ihre Repräsentanten leben in Palästen. Ein Erzbischof verdient monatlich rund 10.000 EUR, und er wird ausschließlich aus Steuergeldern bezahlt. Was wohl Jesus davon gehalten hätte? Die Frage ist gar nicht so schwierig, er hat es uns nämlich gesagt:
- Lukas 3,11: Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat; und wer Speise hat, der tue auch also. [Ich weiß jetzt nicht, wie viele Röcke der Papst hat. Aber wir können uns wohl darauf einigen, dass er Speise hat, und dass es reichlich Leute auf der Welt gibt, die keine haben.]
- Lukas 14, 33: So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. [Kennt jemand einen Christen, der sich von allem losgesagt hat, was er hat?]
Und noch mal zum Thema, wieviel Selbstbetrug eigentlich dazugehört, noch an die Bibel und das Wort Jesu Christi zu glauben, wenn man sie wirklich gelesen hat:
- Markus 11, 24: Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil. [Hervorhebung von mir.]
Ich weiß schon ungefähr, was ein Geistlicher dazu zu sagen hätte: Jesus hat das nicht so gemeint. Er meinte das im übertragenen Sinne. Nicht wörtlich. Er meinte… (und dann kommt eben das, was der befragte Geistliche für richtig hält, zum Beispiel, dass Homosexuelle nicht heiraten dürfen).
Soweit Jesus. Reden wir doch auch mal über das Alte Testament. Ist euch mal aufgefallen, wie viele Kinder, Tiere und sonst wie Unbeteiligte Unschuldige Gott dort auf teilweise grausamste Art tötet? Man muss dafür nicht einmal auf irgendwelche obskuren Sachen zurückgreifen, von denen noch keiner gehört hat. Schon die bekannte Geschichte von Moses und dem Pharao ist ein Dokument atemberaubender Grausamkeit und sinnlosen Mordens des biblischen Gottes, der die Quelle unserer moralischen Werte und der Schöpfer unseres Universums sein soll.
Weil sich sogar im religionsfreien faktenorientieren Teil der Bevölkerung hartnäckig die Überzeugung hält, die Bibel wäre prinzipiell schon eine ganz brauchbare Quelle moralischer Orientierung, und weil wohl sogar der größere Teil der christlichen Bevölkerung dieses unerträgliche Machwerk nicht gelesen hat, biete ich noch ein paar andere, weniger bekannte Zitate aus der Heiligen Schrift:
2. Mose 21: 20 Wer seinen Sklaven oder seine Sklavin schlägt mit einem Stock, dass sie unter seinen Händen sterben, der soll dafür bestraft werden.21 Bleiben sie aber einen oder zwei Tage am Leben, so soll er nicht dafür bestraft werden; denn es ist sein Geld. [Ja, das steht da wirklich so. Denn es ist sein Geld. Deswegen darf man seine Sklaven nach Herzenslust verprügeln, solange sie danach noch ein paar tage lang überleben.]
2. Petrus 2, 18: Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. [Ja, das ist sogar Neues Testament! Mein Geschichtslehrer hat mir früher mal gesagt, Sklaverei hätte der HERR nur im Alten noch gut gefunden.]
5. Mose 22,5: Eine Frau soll nicht Männersachen tragen und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn wer das tut, der ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel. [Und wir wissen alle, was mit Leuten passiert, die dem HERRN ein Gräuel sind, nicht wahr? Es tut einem fast ein bisschen Leid um all die Schotten.]
4. Mose 31: 17 So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind;18 aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben. [Da steht nicht ausdrücklich, zu welchem Zweck man die unberührten Mädchen leben lassen soll. Aber ich denke nicht, dass viel kranke Phantasie dazu gehört, sich vorzustellen, wie das gemeint ist. Oder?]
Sehr gerne zitiere ich auch
Exodus 22: 18 Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. 19 Wer bei einem Vieh liegt, der soll des Todes sterben. 20 Wer den Göttern opfert und nicht dem HERRN allein, der sei verbannt.
Auch hier bin ich sicher, dass die Apologeten der Kirche zahlreiche alternative Deutungen und Erklärungen bereithalten, um uns vorzuspiegeln, das wäre ja alles gar nicht so zu verstehen, wie es da steht. Aber wenn ich mir immer von Fall zu Fall aussuchen darf, ob die Worte der Bibel so oder anders gemeint sind, wie sie da stehen, oder ob sie vielleicht auch mal das Gegenteil bedeuten, wofür brauche ich dann noch eine Heilige Schrift?
Das meine ich, wenn ich sage, dass jemand, der die Bibel gelesen hat, sie sogar jahrelang studiert hat, und trotzdem auf eine Kanzel klettert und Leuten erzählt, sie wäre das Wort Gottes und die Wahrheit und die Grundlage seines Glaubens, in höchstem Maße unehrlich sein muss. Es geht nicht anders.
Trotzdem sind die Repräsentanten dieser Kirche sich nicht zu schade, allen, die nicht an ihren unsinnigen Hokuspokus glauben, die wildesten Vorwürfe zu machen:
“Von atheistischen Positionen geht keinerlei orientierende, zukunftsweisende Kraft aus. Die Nichtglaubenden essen die Früchte von dem Baum, den sie vorher mit Begeisterung gefällt haben. Der Atheismus ist nur erdacht worden, um die Menschen zur Verantwortungslosigkeit zu erziehen und so leichter ideologisch manipulieren zu können – so könnten wir der flachen Religionskritik entgegenhalten. Es gibt keine atheistisch begründete Ethik.“
Gerhard Ludwig Müller, Bischof von Regensburg [via Astrodicticum Simplex]
Ist klar. Ideologische Manipulation. Damit muss man sich als Bischof wohl auskennen, schätze ich. Und wir wissen alle, dass kaum etwas so gut zu Bewusstsein für die eigene Verantwortung erzieht wie das Wissen, dass ein allmächtiges, allwissendes Spaghettimonster Wesen uns über alles liebt und uns alle unsere Sünden vergibt, solange wir uns nur zu ihm bekennen, uns aber ewiger Qual und enlosem Leiden überlässt, wenn wir das nicht tun, egal, wie vorbildlich wir ansonsten gelebt haben.
Und wer auf der Grundlage solcher offenkundigen Unwahrheiten, so schreiend offensichtlicher Heuchelei, so unfassbar dreister Unehrlichkeit noch immer versucht, Menschen in die Kirche zu locken, der ist, wenn ich noch einmal darüber nachdenke, eigentlich doch - ein schlechter Mensch.